Wilhelmstraße

Die Wilhelmstraße im Berliner Ortsteil Mitte ist weit mehr als nur eine innerstädtische Verkehrsachse.

Die Wilhelmstraße im Berliner Ortsteil Mitte ist weit mehr als nur eine innerstädtische Verkehrsachse. Sie ist ein steinernes Geschichtsbuch, das von Aufstieg, Macht, Zerstörung und Wiedergeburt erzählt. Auf ihren 1,1 Kilometern zwischen der Prachtmeile Unter den Linden und dem Halleschen Ufer war sie über ein Jahrhundert lang das unbestrittene politische Machtzentrum erst Preußens, dann des Deutschen Reiches und ist heute wieder ein zentraler Ort der Bundesrepublik. Nirgen

dwo sonst in Berlin verdichtet sich die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts auf so engem Raum. Die Strasse, die einst von prunkvollen Adelspalais gesäumt war, wurde zum Synonym für die deutsche Regierung und erlebte die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte, bevor sie durch die Berliner Mauer geteilt und nach 1990 zu neuem Leben erweckt wurde. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise durch die Epochen dieser Strasse, von ihren aristokratischen Anfängen über ihre düsterste Zeit bis hin zu ihrer heutigen Rolle im Regierungsviertel des wiedervereinigten Berlins.

Geschichte und Ursprung

Wilhelmstraße — Geschichte und Ursprung
Wikimedia Commons: Leit (CC BY-SA 4.0)

Die Entstehung der Wilhelmstraße ist untrennbar mit der planmäßigen Erweiterung Berlins unter König Friedrich Wilhelm I. verbunden. Im Zuge der Anlage der Friedrichstadt wurde die Strasse ab 1731 angelegt, um den neuen Stadtteil nach Westen hin zu begrenzen. Ursprünglich trug ihr nördlicher Abschnitt den Namen Husarenstraße. Wie das Berliner Strassenlexikon von Kauperts belegt, erhielt sie noch im selben Jahr ihren heutigen Namen zu Ehren des Königs, der diese Stadterweiterung maßgeblich vorantrieb. In ihren Anfangsjahren war die Wilhelmstraße eine vornehme, ruhige Wohngegend für den preußischen Adel und hochrangige Militärs, die hier prächtige Palais errichten ließen. Zu den bekanntesten zählten das Palais Schwerin (später Teil des Reichspräsidentenpalais), das Palais Schulenburg (später Reichskanzlei) und das Ordenspalais am damaligen Wilhelmplatz.

Der Wandel von einer aristokratischen Wohnadresse zum politischen Zentrum begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als immer mehr preußische Ministerien und ausländische Gesandtschaften in die repräsentativen Gebäude zogen. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde dieser Prozess zementiert. Die Wilhelmstraße 77, das ehemalige Palais Schulenburg, wurde zur Reichskanzlei und zum Amtssitz des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Das Auswärtige Amt zog in die Wilhelmstraße 76. Schnell wurde „die Wilhelmstraße“ zum Metonym für die deutsche Regierung und Außenpolitik, ähnlich wie „Whitehall“ für die britische oder der „Quai d’Orsay“ für die französische. Diese Konzentration der Macht zog weitere wichtige Institutionen an und prägte das Bild der Strasse bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs entscheidend.

Die Bedeutung der Wilhelmstraße im Wandel

Die zentrale Bedeutung der Wilhelmstraße als Machtachse erreichte in der Weimarer Republik und vor allem während der Zeit des Nationalsozialismus ihren Höhepunkt und zugleich ihre Perversion. In der Weimarer Republik war das Palais an der Wilhelmstraße 73 der Amtssitz des Reichspräsidenten, von Friedrich Ebert bis Paul von Hindenburg. Hier spielten sich die politischen Dramen der ersten deutschen Demokratie ab. Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 in der Reichskanzlei (Wilhelmstraße 77) begann das dunkelste Kapitel der Strasse. Die Nationalsozialisten bauten die Wilhelmstraße systematisch zum Zentrum ihres Terrorregimes aus. Das Propagandaministerium unter Joseph Goebbels zog in das Ordenspalais, das Reichsluftfahrtministerium unter Hermann Göring wurde als monumentaler Neubau errichtet und die von Albert Speer entworfene „Neue Reichskanzlei“ erstreckte sich entlang der Voßstraße mit einem Zugang zur Wilhelmstraße.

Die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg war verheerend. Alliierte Luftangriffe und die Schlacht um Berlin im April 1945 legten die meisten der prunkvollen Bauten in Schutt und Asche. Die Ruinen standen als Mahnmal für den untergegangenen Größenwahn. In der Nachkriegszeit besiegelte die Teilung Berlins das vorläufige Schicksal der Strasse. Der nördliche Teil lag in Ost-Berlin, der südliche in West-Berlin. Die Berliner Mauer verlief in unmittelbarer Nähe, quer über die angrenzende Niederkirchnerstraße. Während im Osten in den 1980er Jahren Plattenbauten für Ministeriumsangestellte errichtet wurden, lag der West-Berliner Teil brach und war ein ruhiger Randbezirk. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 und dem Hauptstadtbeschluss 1991 rückte die Wilhelmstraße wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie wurde wieder zusammengefügt und im Zuge des Regierungsumzugs von Bonn nach Berlin erneut zu einem wichtigen Standort für Bundesministerien und Botschaften.

Architektur und Stadtbild

Das heutige architektonische Gesicht der Wilhelmstraße ist eine Collage aus den wenigen Überresten der Vorkriegszeit, monumentaler NS-Architektur, DDR-Plattenbauten und moderner Post-Wende-Architektur. Wenn wir unsere Erkundung am nördlichen Ende bei Unter den Linden beginnen, dominieren zunächst die Wohnblöcke in Plattenbauweise aus den späten 1980er Jahren das Bild. Sie sind ein unübersehbares Zeugnis der DDR-Vergangenheit dieses Strassenabschnitts. Südlich der Behrenstraße ändert sich der Charakter schlagartig. Hier steht eines der eindrücklichsten und zugleich bedrückendsten Gebäude Berlins: das Detlev-Rohwedder-Haus, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums. Es wurde 1935/36 als Reichsluftfahrtministerium erbaut und ist eines der wenigen fast unversehrt gebliebenen Beispiele für die monumentale Architektur des Nationalsozialismus. Seine schiere Größe und die strenge, steinerne Fassade demonstrieren bis heute den totalitären Machtanspruch seiner Erbauer.

Weiter südlich, nach der Kreuzung mit der Leipziger Strasse, wird das Stadtbild kleinteiliger und moderner. Hier finden sich zahlreiche Neubauten aus den 1990er und 2000er Jahren, darunter Botschaften wie die der Britischen Botschaft, die mit ihrer zeitgenössischen Architektur einen bewussten Kontrapunkt zur historischen Schwere der Umgebung setzt. Ein besonders wichtiger Ort der Erinnerung befindet sich direkt an der Wilhelmstraße, an der Ecke zur Niederkirchnerstraße: die Topographie des Terrors. Auf dem Gelände der ehemaligen Zentralen des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapo), der SS-Führung und des Reichssicherheitshauptamtes dokumentiert heute ein modernes Ausstellungszentrum die Verbrechen des NS-Regimes. Die wenigen erhaltenen Kellerreste der Gestapo-Zentrale sind in die Gedenkstätte integriert. Diese Mischung aus erhaltenen Machtbauten, Gedenkorten, modernen Zweckbauten und Wohnblöcken macht die Wilhelmstraße zu einem architektonisch einzigartigen und komplexen Ort.

Verkehr, Anbindung und Alltag

Trotz ihrer enormen historischen Bedeutung ist die Wilhelmstraße heute eine funktionale Nord-Süd-Verbindung im Herzen Berlins, die das Regierungsviertel mit Kreuzberg verbindet. Für den motorisierten Individualverkehr ist sie eine wichtige Achse, die parallel zur belebteren Friedrichstrasse verläuft und wichtige Querstrassen wie die Leipziger Strasse und die Kochstraße kreuzt. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist exzellent. Am nördlichen Ende bieten die S- und U-Bahnhöfe Brandenburger Tor und Friedrichstraße Zugang zu zahlreichen Linien. In der Mitte der Strasse liegt der U-Bahnhof Mohrenstraße (U2), während am südlichen Ende die U-Bahnhöfe Kochstraße/Checkpoint Charlie (U6) und Hallesches Tor (U1, U3, U6) eine schnelle Verbindung in alle Teile der Stadt gewährleisten. Mehrere Buslinien, darunter die Linie M48, durchqueren die Strasse ebenfalls.

Der Alltag in der Wilhelmstraße ist von Kontrasten geprägt. Im nördlichen und mittleren Abschnitt bestimmen die Bundesministerien (Finanzen, Arbeit und Soziales, Ernährung und Landwirtschaft) sowie zahlreiche Landesvertretungen und Botschaften das Bild. Hier begegnet man tagsüber vor allem Regierungsmitarbeitern, Beamten und diplomatischem Personal. Touristengruppen bewegen sich gezielt zwischen den historischen Orten wie der Topographie des Terrors und dem nahegelegenen Holocaust-Mahnmal. Der südliche Teil der Strasse hat einen anderen Charakter. Wenn wir uns dem Halleschen Ufer nähern, spüren wir den Übergang zum lebhaften Kreuzberg. Hier wird die Bebauung kleinteiliger, es gibt mehr Geschäfte des täglichen Bedarfs und die Atmosphäre wird alltäglicher und weniger von der großen Politik bestimmt. Die Wilhelmstraße ist somit nicht nur eine Strasse der Geschichte, sondern auch eine, die verschiedene Berliner Lebenswelten miteinander verbindet.

Namensgebung

Namensgeber
Friedrich Wilhelm I. (1688–1740)
Person
Benennung
1731
Hintergrund
König in Preußen und Kurfürst von Brandenburg von 1713 bis 1740. Bekannt als der „Soldatenkönig“, trieb er den Ausbau des preußischen Heeres und eine effiziente Verwaltung voran. Unter seiner Herrschaft wurde Berlin durch die Anlage der Friedrichstadt maßgeblich erweitert.

Frühere Namen

Alter Name Zeitraum Grund
Husarenstraße ca. 1721–1731 Benennung zu Ehren von König Friedrich Wilhelm I., dem Initiator der Stadterweiterung.

Zeitleiste

  1. 1731

    Die im Zuge der Friedrichstadt-Erweiterung angelegte Strasse wird nach König Friedrich Wilhelm I. benannt.

    Quelle: Kauperts Straßenführer durch Berlin
  2. 1871

    Nach der Reichsgründung wird das Palais Schulenburg (Nr. 77) zur Reichskanzlei und die Strasse zum Regierungsviertel.

    Quelle: Wikipedia
  3. 1878

    Der Berliner Kongress zur Neuordnung der Machtverhältnisse auf dem Balkan tagt unter Bismarcks Leitung in der Reichskanzlei.

    Quelle: Deutsches Historisches Museum
  4. 1919

    Das Palais in der Wilhelmstraße 73 wird Amtssitz des ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert.

    Quelle: Wikipedia
  5. 1933

    Adolf Hitler wird am 30. Januar in der Reichskanzlei zum Reichskanzler ernannt, was den Beginn der NS-Diktatur markiert.

    Quelle: Deutsches Historisches Museum
  6. 1945

    Die Bebauung der Wilhelmstraße wird durch Luftangriffe und Endkämpfe im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört.

    Quelle: Geschichte Berlins
  7. 1961

    Der Bau der Berliner Mauer zementiert die Teilung der Strasse und ihres Umfelds in einen Ost- und einen West-Sektor.

    Quelle: Chronik der Mauer
  8. 1999

    Im Zuge des Regierungsumzugs von Bonn nach Berlin wird die Wilhelmstraße wieder zu einem zentralen Standort von Bundesministerien.

    Quelle: Berlin.de

Kiez & Atmosphäre

Wenn wir heute durch die Wilhelmstraße gehen, erleben wir eine Strasse der stillen Monumentalität und der tiefen historischen Schichten. Anders als der geschäftige Kurfürstendamm oder die alternative Oranienstrasse ist sie keine Flaniermeile. Ihre Atmosphäre ist geprägt von der ernsten Funktionalität eines Regierungsviertels. Tagsüber herrscht ein Kommen und Gehen von Anzugträgern, während Touristengruppen andächtig vor den Informationstafeln der Gedenkorte verweilen. Es ist eine Strasse, die zum Nachdenken anregt, eine Achse, auf der man die Last und die Verantwortung der deutschen Geschichte förmlich spüren kann. Die breiten Bürgersteige und die oft imposanten, aber verschlossenen Fassaden der Ministerien und Botschaften erzeugen eine gewisse Distanz. Gleichzeitig ist die Wilhelmstraße kein reines Freilichtmuseum. In den Plattenbauten am Nordende und den Wohnhäusern am Südende findet ganz normaler Berliner Alltag statt. Die Nähe zu zentralen Orten wie dem Potsdamer Platz, dem Brandenburger Tor und dem Checkpoint Charlie macht sie zu einer wichtigen Durchgangsroute für Radfahrer und Fußgänger. Dieser Kontrast zwischen globaler Politik, historischer Erinnerung und lokalem Kiezleben macht den heutigen Charakter der Wilhelmstraße aus. Sie ist ein Ort, der die Brüche und die Kontinuitäten der Berliner und deutschen Geschichte wie kaum ein anderer widerspiegelt und dabei ein integraler Bestandteil des modernen, funktionierenden Regierungsviertels ist.

Quellen

  1. Wilhelmstraße im Berliner Strassenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins · Web
  2. Wilhelmstraße (Berlin-Mitte) – Wikipedia · Web
  3. Das Regierungsviertel in Berlin · Web
  4. Topographie des Terrors - Historischer Ort · Web