Strasse des 17. Juni

Die Ost-West-Achse durch den Tiergarten — benannt zum Gedenken an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, davor Charlottenburger Chaussee und unter dem NS-Regime „Ost-West-Achse".

Die Strasse des 17. Juni ist weit mehr als nur eine breite Verkehrsachse, die das Brandenburger Tor mit dem Ernst-Reuter-Platz verbindet. Sie ist eine der geschichtsträchtigsten Magistralen Berlins, eine Bühne für politische Inszenierungen, ein Symbol des Kalten Krieges und heute ein Ort für Massenveranstaltungen, der Millionen Menschen anzieht. Ursprünglich als kurfürstlicher Reitweg angelegt, wurde sie von den Nationalsozialisten zur monumentalen Paradestrecke umgebaut, erlebte als Namensgeberin den Volksaufstand in der DDR 1953 und wurde durch Ronald Reagans berühmte Rede weltbekannt. Ihre Geschichte ist ein Spiegel der Brüche und Transformationen Berlins. Wir nehmen Sie in diesem Artikel mit auf eine Reise entlang dieser einzigartigen Achse, von ihren höfischen Anfängen über ihre Rolle als ideologische Frontlinie bis hin zu ihrer heutigen Funktion als pulsierendes Herz der Hauptstadt.

Geschichte und Ursprung

Strasse des 17. Juni — Geschichte und Ursprung
Wikimedia Commons: Stefan Kühn (CC0)

Die Ursprünge der heutigen Strasse des 17. Juni reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1697 ließ Kurfürst Friedrich III. einen Weg vom Berliner Stadtschloss durch den Tiergarten zum Schloss Lietzenburg, dem späteren Schloss Charlottenburg, anlegen. Dieser Weg diente primär der Hofgesellschaft als bequeme Verbindung und war zunächst nicht mehr als eine sandige Piste durch den kurfürstlichen Jagdgrund. Unter Friedrich dem Großen wurde diese Verbindung im 18. Jahrhundert zu einer repräsentativen Allee ausgebaut und erhielt den Namen „Charlottenburger Chaussee“. Sie bildete die zentrale Achse des Tiergartens und wurde zu einer beliebten Flaniermeile für die Berliner Bevölkerung, die hier am Wochenende spazieren ging und die frische Luft genoss.

Eine tiefgreifende Veränderung erfuhr die Strasse im 20. Jahrhundert unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. Im Rahmen der Pläne Albert Speers für die „Welthauptstadt Germania“ wurde die Charlottenburger Chaussee ab 1938 zur monumentalen „Ost-West-Achse“ umgestaltet. Wie das Straßenlexikon von Kauperts festhält, wurde sie auf eine Breite von 53 Metern ausgebaut, um als Aufmarsch- und Paradestrecke für das Regime zu dienen. Im Zuge dieses Umbaus wurde auch die Siegessäule von ihrem ursprünglichen Standort vor dem Reichstag auf den Großen Stern versetzt, wo sie bis heute steht. Die historische Siegesallee, ein von Kaiser Wilhelm II. in Auftrag gegebener Boulevard mit Marmorstatuen preußischer Herrscher, musste den Plänen weichen. Die monumentale, kalte Ästhetik dieser Zeit prägt die Dimensionen der Strasse bis heute und steht in starkem Kontrast zu ihrer ursprünglichen Funktion als idyllischer Verbindungsweg.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag die Strasse in Trümmern, doch ihre symbolische Bedeutung sollte bald eine neue, dramatische Wendung nehmen. Das nahe gelegene Sowjetische Ehrenmal, das bereits im November 1945 fertiggestellt wurde, markierte den Beginn einer neuen Epoche. Während der Berliner Blockade 1948/49 diente die breite Achse sogar als provisorische Landebahn für die „Rosinenbomber“, da die Kapazitäten des Flughafens Tempelhof nicht ausreichten. Dies unterstrich ihre strategische Wichtigkeit für den Westteil der Stadt und legte den Grundstein für ihre Rolle als Symbol des freien Westens im Kalten Krieg.

Die Bedeutung der Strasse des 17. Juni im Wandel

Ihren heutigen Namen erhielt die Strasse des 17. Juni am 22. Juni 1953 durch einen Beschluss des West-Berliner Senats. Die Umbenennung der ehemaligen Charlottenburger Chaussee war eine direkte Reaktion auf den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953, bei dem Hunderttausende gegen das SED-Regime protestierten und der von sowjetischen Panzern blutig niedergeschlagen wurde. Die Strasse, die direkt auf das Brandenburger Tor und damit auf die Sektorengrenze zulief, wurde so zu einem weithin sichtbaren Mahnmal und einem Symbol des westlichen Freiheitswillens. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 endete sie abrupt vor dem Brandenburger Tor und wurde zur Sackgasse, zur Frontlinie des Kalten Krieges. Für Jahrzehnte war sie der Ort, an dem Staatsgäste des Westens die Teilung der Stadt und der Welt mit eigenen Augen sahen.

Diese symbolische Aufladung machte die Strasse zur Bühne weltpolitischer Ereignisse. Am 12. Juni 1987 hielt US-Präsident Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor seine historische Rede, in der er den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow mit den Worten „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ direkt aufforderte, die Mauer niederzureißen. Dieser Moment ist untrennbar mit der Geschichte der Strasse verbunden. Als die Mauer am 9. November 1989 fiel und das Brandenburger Tor am 22. Dezember 1989 wieder geöffnet wurde, war die Strasse des 17. Juni der Ort, an dem sich Tausende von Ost- und West-Berlinern in den Armen lagen. Die einstige Sackgasse wurde über Nacht wieder zu einer verbindenden Achse, die nun nicht mehr nur Charlottenburg, sondern zwei wiedervereinte Stadthälften verband.

Seit der Wiedervereinigung hat sich die Bedeutung der Strasse erneut gewandelt. Sie ist nicht mehr primär ein politisches Symbol, sondern hat sich zu einer der größten Veranstaltungsflächen Europas entwickelt. Unsere Redaktion erinnert sich gut an die Bilder der Loveparade, die hier von 1996 bis 2006 stattfand und zeitweise über eine Million Raver anzog. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist sie als „Fanmeile“ international bekannt, auf der bei Europa- und Weltmeisterschaften Hunderttausende die Spiele auf Großbildleinwänden verfolgen. Auch die Silvesterfeier am Brandenburger Tor und der Start- und Zielbereich des Berlin-Marathons machen die Strasse zu einem Ort kollektiver Emotionen und Erlebnisse, der weit über seine Funktion als Verkehrsweg hinausgeht.

Architektur und Stadtbild

Strasse des 17. Juni — Architektur und Stadtbild
Wikimedia Commons: Dietmar Rabich (CC BY-SA 4.0)

Das Erscheinungsbild der Strasse des 17. Juni ist von einer monumentalen Weite und einer klaren, geradlinigen Führung geprägt, die durch den Großen Tiergarten verläuft. Auf ihrer gesamten Länge von über drei Kilometern wird sie von einer beeindruckenden Kette architektonischer und historischer Wahrzeichen gesäumt. Am östlichen Ende thront das Brandenburger Tor als ikonischer Startpunkt. Von hier aus blickt man die lange, gerade Schneise hinunter, die nur vom Großen Stern unterbrochen wird. Kurz hinter dem Tor, auf der rechten Seite, wenn wir stadtauswärts gehen, befindet sich das imposante Sowjetische Ehrenmal Tiergarten. Es wurde 1945 von der Roten Armee errichtet, um an die im Kampf um Berlin gefallenen Soldaten zu erinnern, und ist mit seinen T-34-Panzern und Marmorreliefs ein architektonischer Fremdkörper im preußisch geprägten Tiergarten, der bis heute an die komplexe Nachkriegsgeschichte erinnert.

Das Herzstück der Strasse ist zweifellos der Große Stern, ein riesiger Kreisverkehr, in dessen Mitte die Siegessäule mit der vergoldeten Viktoria, von den Berlinern liebevoll „Goldelse“ genannt, in den Himmel ragt. Ursprünglich 1873 zur Feier der preußischen Siege eingeweiht, wurde sie, wie bereits erwähnt, 1938/39 hierher versetzt und um eine Trommel erhöht, was ihre monumentale Wirkung noch verstärkte. Der Blick von der Aussichtsplattform der Siegessäule bietet ein einzigartiges Panorama über die gesamte Achse und den Tiergarten – eine Perspektive, die wir jedem Berlin-Besucher empfehlen.

Weiter westwärts, kurz vor dem Ernst-Reuter-Platz, durchquert die Strasse das Charlottenburger Tor. Dieses neobarocke Doppeltor wurde um 1900 errichtet und markierte einst die Stadtgrenze zwischen Berlin und der damals noch selbstständigen Stadt Charlottenburg. Es bildet einen architektonischen Kontrapunkt zum Brandenburger Tor am anderen Ende. Die Strasse selbst wird von den berühmten Berliner Gaslaternen gesäumt, die nachts ein besonderes, warmes Licht verströmen und ein Stück historisches Berlin bewahren. Der Kontrast zwischen den klassizistischen und neobarocken Monumenten und der breiten, funktionalen Asphaltfläche aus den 1930er Jahren macht den einzigartigen visuellen Reiz dieser Magistrale aus.

Verkehr, Anbindung und Alltag

In erster Linie ist die Strasse des 17. Juni heute eine der wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt. Als Teil der Bundesstraßen 2 und 5 kanalisiert sie einen erheblichen Teil des Ost-West-Verkehrs durch die Berliner Innenstadt. Täglich rollen hier Zehntausende von Autos, Bussen und Lastwagen, was die Strasse zu einer lauten und oft staugeplagten Magistrale macht. Für Fußgänger und Radfahrer stellt sie eine erhebliche Barriere dar, die den Großen Tiergarten, die grüne Lunge Berlins, in eine Nord- und eine Südhälfte teilt. Wer, wie wir oft auf dem Weg von der Redaktion in Mitte nach Charlottenburg, den Tiergarten durchqueren möchte, muss lange an Ampeln warten oder weite Umwege zu den wenigen Unterführungen in Kauf nehmen.

Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist an den Enden der Strasse exzellent. Am Brandenburger Tor befinden sich der gleichnamige S- und U-Bahnhof, der eine schnelle Verbindung zu zentralen Achsen wie der Friedrichstrasse oder der Karl-Liebknecht-Straße (Mitte) ermöglicht. Am westlichen Ende liegt der U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz (Linie U2). Auf halber Strecke, direkt am Großen Stern, liegt der S-Bahnhof Tiergarten (Linien S3, S5, S7, S9), der vor allem für Besucher des Parks und des Flohmarktes am Wochenende von Bedeutung ist. Mehrere Buslinien, darunter die Linie 100, die viele der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt verbindet, verkehren ebenfalls entlang der Strasse.

Der Alltag auf der Strasse des 17. Juni ist von diesem ständigen Wechsel zwischen Verkehrschaos und Großveranstaltung geprägt. An normalen Wochentagen ist sie eine reine Transitstrecke. Doch an Wochenenden oder bei Events ändert sich ihr Charakter vollständig. Wenn die Strasse für den Berlin-Marathon, die Silvesterparty oder die Fanmeile gesperrt wird, verwandelt sie sich in eine riesige Fußgängerzone. Jeder, der schon einmal versucht hat, während einer solchen Sperrung von Moabit nach Schöneberg zu kommen, kennt die Strasse des 17. Juni als unüberwindbares Hindernis. Diese regelmäßigen Sperrungen führen zu erheblichen Verkehrsverlagerungen und sind ein ständiges Thema in der Berliner Stadtplanung. Sie zeigen aber auch das Potenzial der Strasse als autofreier Raum für Kultur, Sport und Gemeinschaft.

Namensgebung

Namensgeber
Volksaufstand vom 17. Juni 1953
Ereignis
Benennung
1953-06-22
Hintergrund
Streiks und Massenproteste in der DDR am 17. Juni 1953, von sowjetischen Truppen gewaltsam niedergeschlagen.

Frühere Namen

Alter Name Zeitraum Grund
Charlottenburger Chaussee 1953 Umbenennung durch den Westberliner Senat fünf Tage nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 als Solidaritätsgeste.

Zeitleiste

  1. 1697

    Anlage eines Verbindungswegs vom Stadtschloss zum Schloss Lietzenburg (später Charlottenburg).

    Quelle: Chronik Berlin
  2. 1873

    Die Siegessäule wird auf dem Königsplatz (heute Platz der Republik) eingeweiht.

    Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
  3. 1938

    Beginn des Umbaus zur Ost-West-Achse; die Siegessäule wird auf den Großen Stern versetzt.

    Quelle: Deutsches Historisches Museum
  4. 1945

    Errichtung des Sowjetischen Ehrenmals im Tiergarten nahe dem Brandenburger Tor.

    Quelle: berlin.de
  5. 1953

    Am 3. November wird die Charlottenburger Chaussee in 'Strasse des 17. Juni' umbenannt.

    Quelle: Berliner Strassennamenlexikon
  6. 1987

    US-Präsident Ronald Reagan fordert in seiner Rede am Brandenburger Tor die Öffnung der Mauer.

    Quelle: Chronik der Mauer
  7. 1989

    Nach dem Fall der Mauer wird das Brandenburger Tor am 22. Dezember wieder geöffnet.

    Quelle: Bundesregierung
  8. 1996

    Die Loveparade findet erstmals auf der Strasse des 17. Juni statt und etabliert sie als Veranstaltungsort.

    Quelle: Berliner Zeitung Archiv

Kiez & Atmosphäre

Wir erleben die Strasse des 17. Juni im Alltag als einen Ort der Kontraste. Sie ist keine Wohngegend, kein Kiez im klassischen Sinne, sondern eine monumentale Schneise, die den Tiergarten teilt. An einem normalen Dienstagvormittag dominiert der Lärm des sechsspurigen Verkehrs, und man eilt über die breiten Bürgersteige, vorbei an Joggern und Touristen, die auf dem Weg zum Brandenburger Tor oder zur Siegessäule sind. Die Atmosphäre ist die einer reinen Transit- und Repräsentationsachse. Doch diese Wahrnehmung ändert sich schlagartig, wenn die Strasse für eine ihrer vielen Veranstaltungen gesperrt wird. Dann verwandelt sie sich in einen riesigen öffentlichen Raum, einen Ort der Begegnung und des Feierns.

Besonders an Wochenenden zeigt die Strasse ein anderes Gesicht. Am S-Bahnhof Tiergarten findet einer der bekanntesten Trödel- und Kunsthandwerkermärkte Berlins statt, der Einheimische und Besucher gleichermaßen anzieht. Hier, unter der S-Bahn-Brücke, herrscht eine fast dörfliche, geschäftige Atmosphäre, die in starkem Gegensatz zur Weite der leeren Strasse steht. Die Strasse des 17. Juni ist somit weniger ein Ort, an dem man lebt, als vielmehr ein Ort, den man erlebt – sei es im alltäglichen Stau, beim sonntäglichen Spaziergang durch den Tiergarten, beim Jubeln auf der Fanmeile oder beim Stöbern auf dem Flohmarkt. Sie ist eine Bühne, deren Kulisse und Publikum ständig wechseln und die wie kaum eine andere Strasse die verschiedenen Facetten Berlins widerspiegelt.

Quellen

  1. Berliner Strassennamenlexikon (Kauperts) · Web
  2. Straße des 17. Juni im Berliner Straßenlexikon · Web
  3. Straße des 17. Juni · Web
  4. Sehenswürdigkeiten: Straße des 17. Juni · Web
  5. Der 17. Juni 1953 · Web