Petersburger Straße
Die Petersburger Straße in Friedrichshain, ehemals Marchlewskistraße und Bersarinstraße, spiegelt die DDR-Geschichte und die Umbrüche Berlins wider.

Die Petersburger Straße im Berliner Ortsteil Friedrichshain ist weit mehr als nur eine vierspurige Verkehrsachse. Als wesentlicher Bestandteil des inneren S-Bahn-Rings und der Bundesstraße 96a bildet sie eine der Hauptschlagadern des Berliner Ostens und verbindet das ikonische Frankfurter Tor mit der Landsberger Allee. Ihre Geschichte ist ein Spiegelbild der dramatischen Brüche und Transformationen Berlins im 20. Jahrhundert: von der kaiserzeitlichen Stadtplanung über die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die sozialistische Umgestaltung und Umbenennung in der DDR bis hin zu ihrer heutigen Rolle als pulsierender Korridor zwischen einigen der begehrtesten Wohnkieze der Hauptstadt. Wir haben uns auf Spurensuche begeben und berichten von einer Strasse, die wie kaum eine andere die verschiedenen Epochen Berlins in ihrem Verlauf vereint.
Geschichte und Ursprung

Die konzeptionellen Wurzeln der Petersburger Straße reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Im von James Hobrecht 1862 vorgelegten „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ wurde ihr Verlauf als Teil eines umfassenden Ringsystems projektiert, das die schnell wachsende Reichshauptstadt ordnen und erschließen sollte. In den Planungskarten war dieser Abschnitt zunächst nüchtern als „Straße Nr. 30 der Abteilung XIII/2“ verzeichnet. Ihre offizielle Benennung erhielt die Straße am 2. April 1874. Der Name wurde zu Ehren von Sankt Petersburg, der damaligen Hauptstadt des Russischen Zarenreiches, gewählt. Diese Namensgebung war kein Zufall, sondern ein politisches Signal im Rahmen des 1873 geschlossenen Dreikaiserabkommens zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Russland, das die monarchische Solidarität gegenüber republikanischen und sozialistischen Bestrebungen festigen sollte.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich das Gebiet um die neu angelegte Straße rasant. Friedrichshain wurde zu einem dicht besiedelten Arbeiterbezirk, geprägt von den typischen Berliner Mietskasernen mit ihren engen Hinterhöfen. Die Petersburger Straße selbst wurde zu einer wichtigen Verkehrs- und Geschäftsachse, die die neuen Wohnquartiere mit den Industrieanlagen weiter östlich verband. Sie war von Beginn an als breiter Boulevard mit einem Mittelstreifen für eine zukünftige Bahnlinie konzipiert, eine Weitsicht, die sich bis heute in der Trassenführung der Straßenbahn widerspiegelt. Die ursprüngliche Bebauung aus der Gründerzeit wurde im Zweiten Weltkrieg, insbesondere in der Schlacht um Berlin 1945, schwer in Mitleidenschaft gezogen, was den Weg für die tiefgreifenden städtebaulichen Veränderungen der Nachkriegszeit ebnete.
Die Petersburger Straße im Wandel der Zeit
Kaum eine Epoche hat die Identität der Petersburger Straße so nachhaltig geprägt wie die Zeit der DDR. Nach den massiven Zerstörungen des Krieges wurde der Wiederaufbau, vor allem am südlichen Ende der Straße am Frankfurter Tor, zu einem Prestigeprojekt des neuen sozialistischen Staates. Die dort errichteten Turmbauten im Stil des Sozialistischen Klassizismus waren mehr als nur Wohnraum; sie waren ein architektonisches Statement und bildeten das repräsentative Eingangstor zur damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee. Doch der Wandel war nicht nur baulicher Natur. Am 31. Mai 1975 wurde die Petersburger Straße zusammen mit Teilen der Warschauer Straße und des Frankfurter Tores zu einem einzigen, langen Straßenzug zusammengefasst und in „Bersarinstraße“ umbenannt.
Die Umbenennung erfolgte zu Ehren von Nikolai Erastowitsch Bersarin, dem ersten sowjetischen Stadtkommandanten Berlins nach der Kapitulation im Mai 1945. Diese Geste sollte die enge Verbundenheit der DDR mit der Sowjetunion unterstreichen und die Rolle der Roten Armee bei der „Befreiung vom Faschismus“ im öffentlichen Raum verankern. Für die Bewohner war es eine tiefgreifende Veränderung, die einen vertrauten Namen aus dem Stadtplan tilgte. Diese Ära endete mit der deutschen Wiedervereinigung. In einer Welle von Umbenennungen, die darauf abzielte, das ideologische Erbe der DDR zu revidieren, erhielt die Straße am 31. Januar 1991 ihren ursprünglichen Namen zurück. Wie das Straßen- und Hausnummernverzeichnis von Kauperts belegt, wurde der historische Name wiederhergestellt. Dieser Akt war Teil einer stadtweiten Debatte über den Umgang mit der eigenen Geschichte und machte die Petersburger Straße erneut zu einem Symbol für den Wandel Berlins.
Architektur und Stadtbild
Eine Erkundung der Petersburger Straße ist eine architektonische Zeitreise. Wenn wir, wie so oft auf dem Weg von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg, am Frankfurter Tor starten, werden wir von der monumentalen Symmetrie der beiden Turmbauten von Hermann Henselmann empfangen. Errichtet zwischen 1955 und 1957, zitieren ihre Kuppeln die Türme des Gendarmenmarkts und sollten bewusst eine neue, sozialistisch geprägte Stadtmitte im Osten Berlins definieren. Sie stehen für den repräsentativen „Zuckerbäckerstil“ der frühen DDR-Jahre und bilden ein unverkennbares Wahrzeichen Friedrichshains.
Bewegt man sich von diesem architektonischen Ausrufezeichen nordwärts, verändert sich das Bild. Der breite, von einem grünen Mittelstreifen mit den Gleisen der Straßenbahn durchzogene Boulevard wird von einer heterogenen Bebauung gesäumt. Vereinzelt haben prachtvolle Altbauten aus der Gründerzeit die Zerstörungen des Krieges überstanden und zeugen mit ihren Stuckfassaden vom einstigen Glanz. Dazwischen füllen funktionale Wohnblöcke aus den 1960er und 1970er Jahren die Lücken. Diese Gebäude, oft in Platten- oder Ziegelbauweise errichtet, stehen für den pragmatischen Wohnungsbau der DDR, der vor allem schnell neuen Wohnraum schaffen sollte. Dieser Mix aus kaiserzeitlicher Mietskaserne, sozialistischem Repräsentationsbau und funktionaler Platte macht den besonderen, leicht rauen Charme der Straße aus. Grünflächen wie der Forckenbeckplatz, der direkt an die Straße grenzt, bieten den Anwohnern wichtige Oasen der Ruhe inmitten des städtischen Trubels.
Verkehr, Anbindung und Alltag
In ihrer heutigen Funktion ist die Petersburger Straße vor allem eine der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsadern im Osten Berlins. Als Teil der B96a schluckt sie täglich einen immensen Strom an Pendler- und Durchgangsverkehr und verbindet die südlichen Bezirke mit dem Norden. Für unsere Redaktion ist sie eine unverzichtbare Route, wenn wir von Friedrichshain aus Termine in Lichtenberg oder Hohenschönhausen ansteuern und dabei die Storkower Straße oder die Herzbergstraße kreuzen. Die Straße ist ein Ort der permanenten Bewegung, geprägt vom Lärm der Autos und dem charakteristischen Klingeln der Straßenbahnen.
Der öffentliche Nahverkehr spielt hier eine zentrale Rolle. Auf dem Mittelstreifen verkehren gleich mehrere wichtige Tram-Linien. Die Linie M10, von den Berlinern liebevoll „Party-Tram“ genannt, verbindet hier die Ausgehviertel von Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Dazu kommen die Linien M5, M6 und M8, die sternförmig in die umliegenden Stadtteile führen. Am südlichen Ende bietet der U-Bahnhof Frankfurter Tor zudem Anschluss an die Linie U5, die direkt zur Karl-Liebknecht-Straße (Mitte) und zum Hauptbahnhof führt. Trotz ihrer Funktion als laute Transitzone ist die Petersburger Straße auch Lebensraum. Sie trennt und verbindet zugleich die beliebten Wohnquartiere wie den Samariterkiez und den Boxhagener Kiez. In den Erdgeschossen der anliegenden Häuser finden sich zahlreiche Spätis, Imbisse und Dienstleister, die den täglichen Bedarf der Anwohner decken und das geschäftige Treiben der Straße widerspiegeln.
Namensgebung
- Namensgeber
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Sankt Petersburg
Ort / Geografie - Benennung
- 1874-04-02
- Hintergrund
- Benannt nach der damaligen Hauptstadt des Russischen Kaiserreichs, Sankt Petersburg. Die Benennung erfolgte 1874 im politischen Kontext des Dreikaiserabkommens zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Russland.
Frühere Namen
| Alter Name | Zeitraum | Grund |
|---|---|---|
| Bersarinstraße | 1975–1991 | Politisch motivierte Benennung zu Ehren des ersten sowjetischen Stadtkommandanten Berlins, Nikolai Bersarin. Die Rückbenennung erfolgte im Zuge der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. |
Zeitleiste
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1862
Der Hobrecht-Plan legt den zukünftigen Verlauf der Straße als Teil eines äußeren Rings fest.
Quelle: Bebauungsplan der Umgebungen Berlins -
1874
Die Straße erhält offiziell den Namen Petersburger Straße zu Ehren der russischen Hauptstadt.
Quelle: Straßenverzeichnis Friedrichshain-Kreuzberg -
1945
Schwere Zerstörungen durch Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg, vor allem im südlichen Bereich.
Quelle: Historische Stadtpläne Berlin -
1957
Die markanten Turmbauten von Hermann Henselmann am Frankfurter Tor werden fertiggestellt.
Quelle: Landesdenkmalamt Berlin -
1975
Die Straße wird Teil eines größeren Straßenzuges und in Bersarinstraße umbenannt.
Quelle: Berliner Adressbuch -
1991
Nach der Wiedervereinigung erfolgt die Rückbenennung in Petersburger Straße.
Quelle: Kauperts Straßenführer durch Berlin -
2006
Die Straßenbahnlinie M10 wird über die Warschauer Brücke verlängert und stärkt die Rolle der Petersburger Straße als Verkehrsknoten.
Quelle: Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)
