Herzbergstraße

Die Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg ist weit mehr als nur eine Verbindung zwischen der Möllendorffstraße und der Siegfriedstraße.

Die Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg ist weit mehr als nur eine Verbindung zwischen der Möllendorffstraße und der Siegfriedstraße. Sie ist eine Arterie, die tief in die komplexe Geschichte des Berliner Ostens einschneidet und von preußischer Sozialfürsorge, industrieller Blüte, den dunklen Kapiteln der DDR-Diktatur und der dynamischen Transformation nach der Wiedervereinigung erzählt. Auf ihrer Länge durchquert sie nicht nur verschiedene Postleitzahlengebiete, sondern auch Epochen. Geprägt wird sie heute vor allem durch zwei gegensätzliche Pole: das weitläufige, historische Gelände des Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge (KEH) und das pulsierende, asiatische Handelszentrum Dong Xuan Center. Wir in der Redaktion haben diese Strasse oft durchquert und dabei die vielschichtigen Narrative entdeckt, die sich hinter den Fassaden verbergen. Wir nehmen Sie mit auf eine Erkundung dieser einzigartigen Lichtenberger Strasse, die wie kaum eine andere von Gesundheit, Repression, Arbeit und kulturellem Neuanfang berichtet.

Geschichte und Ursprung

Herzbergstraße — Geschichte und Ursprung
Wikimedia Commons: Angela Monika Arnold, Berlin (CC BY 3.0)

Die offizielle Geschichte der Herzbergstraße beginnt am 29. April 1893, als sie nach der Stadt Herzberg (Elster) in Brandenburg benannt wurde. Diese Namensgebung war Teil einer größeren städtebaulichen Entwicklung, bei der das rasant wachsende Berlin seine neuen Strassen oft nach Orten in der umliegenden Mark Brandenburg benannte. Doch ihre Wurzeln reichen tiefer, denn der Verlauf folgt älteren Feld- und Verbindungswegen, die das Dorf Lichtenberg mit den Ländereien von Friedrichsfelde verbanden. Der entscheidende Impuls für ihre Entwicklung kam jedoch nicht aus der Verkehrsplanung, sondern aus der Sozialpolitik. Ende des 19. Jahrhunderts war Berlin eine überfüllte Metropole mit enormen sozialen Problemen. Um die medizinische Versorgung zu verbessern, wurde auf Initiative von Persönlichkeiten wie dem Theologen Friedrich von Bodelschwingh und dem Industriellen Carl-Friedrich-Wilhelm von Dotti die Gründung einer neuen Heilanstalt vor den Toren der Stadt beschlossen.

So wurde 1893, im selben Jahr der Strassenbenennung, das Krankenhaus Königin Elisabeth eröffnet, das später seinen heutigen Namen KEH erhielt. Auf einem riesigen Areal von über 100 Hektar entstand eine moderne Anstalt nach dem Pavillonsystem, eingebettet in eine parkähnliche Landschaft. Diese Anlage war nicht nur ein Krankenhaus, sondern ein autarker kleiner Stadtteil mit eigener Kirche, Landwirtschaft und Werkstätten. Die Errichtung dieses monumentalen Komplexes machte die Herzbergstraße über Nacht zu einer wichtigen Adresse. Parallel

dazu siedelte sich Industrie an, angezogen von der Nähe zum Vieh- und Schlachthof an der Landsberger Allee und den guten Eisenbahnanbindungen Lichtenbergs. Insbesondere die Firma „Gebrüder Siemens & Co.“ errichtete hier ab 1907 ein Werk für Elektroden und Kohleprodukte, das später als VEB Elektrokohle Lichtenberg zu einem der größten Industriebetriebe Ost-Berlins werden sollte. Die Strasse wurde so zu einem Ort, an dem die zentralen Themen der Industrialisierung – soziale Fürsorge und industrielle Produktion – direkt aufeinandertrafen.

Die Herzbergstraße im Wandel der DDR-Zeit und Nachwendejahre

Während der DDR-Zeit erfuhr die Herzbergstraße eine tiefgreifende und teils düstere Transformation. Als Teil Ost-Berlins lag sie im Herzen des Bezirks Lichtenberg, der eine besondere Bedeutung für den Staatsapparat hatte. Die Nähe zur Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der Normannenstraße führte dazu, dass die Herzbergstraße zu einem Ort von strategischer Wichtigkeit für die Stasi wurde. In den 1980er Jahren richtete das MfS auf einem abgeschirmten Teil des Krankenhausgeländes sein zentrales Haftkrankenhaus ein. Hier wurden

politische Gefangene aus der ganzen DDR behandelt, die medizinische Versorgung benötigten. Für die Öffentlichkeit war dieser Ort ein blinder Fleck, streng bewacht und von der Aussenwelt isoliert. Wir haben bei unseren Recherchen mit Zeitzeugen gesprochen, die berichteten, wie dieser Teil der Strasse stets mit einem Gefühl des Unbehagens verbunden war, auch wenn die genaue Funktion vielen Anwohnern unklar blieb. Dieses Kapitel ist ein eindrückliches Zeugnis dafür, wie die Diktatur selbst Orte der Heilung für ihre repressiven Zwecke instrumentalisierte.

Gleichzeitig war die Strasse ein wichtiger Industriestandort. Der VEB Elektrokohle Lichtenberg (EKL) war ein sogenannter „volkseigener“ Großbetrieb und ein bedeutender Arbeitgeber im Bezirk. Die rauchenden Schornsteine prägten das Bild und den Geruch der Umgebung. Mit dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung brach dieses System zusammen. Das MfS wurde aufgelöst, das Haftkrankenhaus 1990 vom KEH übernommen und in den regulären Krankenhausbetrieb integriert. Der VEB Elektrokohle wurde von der Treuhandanstalt abgewickelt und schloss schliesslich seine Tore, was zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen führte. Die riesige

n Industriebrachen standen für den schmerzhaften Strukturwandel, den der Berliner Osten durchlief. Doch aus dieser Leere erwuchs etwas Neues. Auf dem ehemaligen Gelände von EKL entstand ab 2003 das Dong Xuan Center. Gegründet von vietnamesischen Einwanderern, von denen viele als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren, entwickelte es sich zum größten asiatischen Großhandelsmarkt Berlins. Dieser Wandel von einem Ort der staatlich gelenkten Industrie zu einem Zentrum privatwirtschaftlicher, migrantischer Initiative symbolisiert den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch, den die Herzbergstraße nach 1990 erlebte.

Architektur und Stadtbild

Das architektonische Gesicht der Herzbergstraße ist ein Spiegelbild ihrer wechselvollen Geschichte und von bemerkenswerten Kontrasten geprägt. Wenn wir, wie so oft auf unseren Recherchefahrten, von der belebten Möllendorffstraße einbiegen, tauchen wir sofort in die ruhige, grüne Welt des KEH-Geländes ein. Die historischen Pavillonbauten aus dem späten 19. Jahrhundert dominieren hier das Bild. Errichtet aus rotem Backstein im Stil der Neugotik und des Historismus, strahlen sie eine fast klösterliche Würde aus. Die Gebäude sind locker in einer weitläufigen Parklandschaft verteilt, die von dem berühmten Landschaftsarchitekten Hermann Mächtig, einem Schüler Peter Joseph Lennés, gestaltet wurde. Dieser Campus-Charakter verleiht dem westlichen Teil der Strasse eine einzigartige, fast ländliche Atmosphäre mitten in der Großstadt.

Fährt man weiter ostwärts in Richtung Siegfriedstraße, verändert sich das Stadtbild radikal. Die filigrane Backsteinarchitektur weicht der funktionalen Zweckmäßigkeit von Industrie- und Gewerbebauten. Hier finden sich die Überreste der industriellen Vergangenheit: alte Fabrikhallen, Verwaltungsgebäude aus der DDR-Zeit und große, versiegelte Flächen. Ein besonders prägnantes Beispiel sind die riesigen, wellblechverkleideten Hallen des Dong Xuan Centers. Ihre Architektur ist rein pragmatisch und auf ihre Funktion als Lager- und Verkaufsflächen ausgerichtet. Sie stehen in einem scharfen Kontrast zu den denkmalgeschützten Klinikbauten nur wenige hundert Meter entfernt. Dazwischen und in den angrenzenden Wohngebieten finden sich typische Berliner Mietshäuser aus der Gründerzeit sowie Plattenbauten aus den 1970er und 1980er Jahren. Diese Mischung aus preußischer Anstaltsarchitektur, sozialistischem Industriebau, pragmatischer Post-Wende-Gewerbearchitektur und Wohnbebauung verschiedener Epochen macht die Herzbergstraße zu einem Lehrstück der Berliner Stadtentwicklung.

Verkehr, Anbindung und Alltag

Obwohl die Herzbergstraße keine der großen, überregional bekannten Magistralen Berlins ist, spielt sie für den Bezirk Lichtenberg eine wesentliche Rolle in puncto Verkehr und täglichem Leben. Ihre Hauptfunktion ist die eines lokalen Verbinders und Erschliessers. Für den öffentlichen Nahverkehr ist sie von zentraler Bedeutung, da gleich mehrere wichtige Tramlinien hier verkehren. Die Linien M8, M13 und 16 durchqueren die Strasse und verbinden Lichtenberg direkt mit den Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg, Wedding und Marzahn-Hellersdorf. Wie das Berliner Strassenbahnnetz zeigt, sind diese Querverbindungen im Osten der Stadt essenziell, da sie oft Lücken im S- und U-Bahn-Netz schliessen. Für tausende Anwohner, aber auch für die Mitarbeiter und Besucher des KEH sowie des Dong Xuan Centers, ist die Tram das wichtigste Verkehrsmittel.

Der Alltag in der Herzbergstraße ist weniger von touristischem Trubel oder schicken Boutiquen geprägt, sondern von Arbeit, Versorgung und Gemeinschaft. Es ist eine „Arbeitsstrasse“. Morgens und abends füllen sich die Gehwege und Bahnen mit Pendlern, Krankenhauspersonal und den Händlern des Dong Xuan Centers. Die Atmosphäre ist geschäftig, aber unaufgeregt. Auf unserem Weg vom S- und U-Bahnhof Frankfurter Allee Richtung Norden haben wir oft die Tram M13 genutzt und dabei die Vielfalt der Menschen beobachtet, die hier ein- und aussteigen: die Krankenschwester auf dem Weg zur Schicht, die vietnamesische Familie beim Grosseinkauf, der Handwerker auf dem Weg zu einem der vielen Gewerbebetriebe. Die Strass

e selbst bietet nur wenige Einzelhandelsgeschäfte; das Leben spielt sich entweder auf den grossen Arealen des Krankenhauses und des Marktes oder in den angrenzenden Wohnvierteln ab. Die weitläufigen Grünflächen des KEH-Parks fungieren dabei als wichtige Naherholungszone für den gesamten Kiez und bieten einen ruhigen Gegenpol zum geschäftigen Treiben an den beiden Enden der Strasse.

Namensgebung

Namensgeber
Gutsbezirk Herzberge
Ort / Geografie
Benennung
1893-04-29
Hintergrund
Benannt nach dem ehemaligen Gutsbezirk Herzberge, der bis ins 19. Jahrhundert eigenständig war und heute als Ortslage im Lichtenberger Stadtbild fortlebt.

Zeitleiste

  1. 1893

    Die Strasse wird offiziell nach der brandenburgischen Stadt Herzberg (Elster) benannt.

    Quelle: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins
  2. 1893

    Das Krankenhaus Königin Elisabeth, der Vorläufer des KEH, wird auf einem großen Areal an der Strasse eröffnet.

    Quelle: Chronik Berlin
  3. 1907

    Die Firma Gebrüder Siemens & Co. beginnt mit dem Bau eines Werks für Kohlefabrikate, dem späteren VEB Elektrokohle Lichtenberg.

    Quelle: Industriekultur Berlin
  4. 1980

    Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) richtet auf dem Gelände des Krankenhauses sein zentrales Haftkrankenhaus ein.

    Quelle: Bundesarchiv, MfS-Unterlagen
  5. 1990

    Nach der Auflösung des MfS wird das Haftkrankenhaus in den regulären Betrieb des KEH integriert.

    Quelle: KEH Berlin
  6. 1994

    Der Industriebetrieb Elektrokohle Lichtenberg (EKL) wird endgültig geschlossen.

    Quelle: Berliner Wirtschaftsarchiv
  7. 2003

    Auf der Industriebrache des ehemaligen EKL-Werks wird das Dong Xuan Center gegründet.

    Quelle: Bezirksamt Lichtenberg
  8. 2013

    Das Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge wird zum Akademischen Lehrkrankenhaus der Charité – Universitätsmedizin Berlin ernannt.

    Quelle: Pressemitteilung des KEH

Kiez & Atmosphäre

Industrie-Magistrale: KEB Berlin (ehem. Kombinat 7. Oktober), Vivantes Klinikum Herzberge, Berliner Wasserbetriebe, sowie zahlreiche umgenutzte DDR-Industriebauten.

ÖPNV-Anbindung

  • M8 diverse Halte entlang der Strasse
  • 21 Herzbergstraße/Industriegebiet
  • 256 Herzbergstraße

Quellen

  1. kauperts.de · Web
  2. wikipedia.org · Web
  3. Herzbergstraße im Berliner Strassenlexikon bei Kauperts · Web
  4. Herzbergstraße (Berlin) in der deutschen Wikipedia · Web
  5. Ortsteil Lichtenberg auf Berlin.de · Web
  6. Dong Xuan Center auf Berlin.de · Web
  7. Historische Orte in Lichtenberg · Web
  8. Artikel zum Dong Xuan Center in der deutschsprachigen Wikipedia · Web