Tauentzienstraße
Die Tauentzienstraße in Charlottenburg ist weit mehr als nur eine 800 Meter lange Verbindung zwischen dem Wittenbergplatz und dem Breitscheidplatz.

Die Tauentzienstraße in Charlottenburg ist weit mehr als nur eine 800 Meter lange Verbindung zwischen dem Wittenbergplatz und dem Breitscheidplatz. Für viele Berliner:innen und unzählige Besucher:innen ist sie das pulsierende Herz der City West, eine der umsatzstärksten und bekanntesten Einkaufsmeilen Deutschlands. Ihre Geschichte, die wir in unserer Redaktion recherchiert haben, ist ein Spiegelbild der Berliner Entwicklung: von einer vornehmen Wohnadresse des aufstrebenden Bürgertums im Kaiserreich über das glamouröse Zentrum des West-Berliner Wirtschaftswunders bis hin zur modernen, globalisierten Shopping-Destination des 21. Jahrhunderts. Dominiert vom legendären Kaufhaus des Westens, dem KaDeWe, verkörpert die „Tauentzien“, wie sie oft genannt wird, Konsum, Wandel und die ungebrochene Anziehungskraft der Hauptstadt. Wir nehmen Sie mit auf einen Spaziergang entlang dieser ikonischen Strasse und beleuchten ihre vielschichtige Geschichte, ihre prägende Architektur und ihre ungebrochene Bedeutung für den Berliner Alltag.
Geschichte und Ursprung

Die Geschichte der Tauentzienstraße beginnt offiziell am 5. September 1864, als sie im Zuge der Planung des „Neuen Westens“ nach dem preußischen General Bogislav Friedrich Emanuel Graf von Tauentzien benannt wurde. Diese Benennung war Teil eines größeren städtebaulichen Konzepts, dem sogenannten „Generalszug“, einer Abfolge von Straßen und Plätzen, die an die Befreiungskriege gegen Napoleon erinnern sollten. Ursprünglich war die Tauentzienstraße als vornehme Wohnstraße konzipiert, eine Verlängerung des prachtvollen Kurfürstendamm, gesäumt von repräsentativen Gründerzeitbauten mit großzügigen Wohnungen für das wohlhabende Bürgertum. Sie sollte den Übergang vom Tiergarten zum neu entstehenden Grunewald bilden und den Glanz des wilhelminischen Berlins widerspiegeln. In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens erfüllte sie diese Rolle und etablierte sich als eine der besseren Adressen in Charlottenburg, das damals noch eine eigenständige Stadt war.
Der entscheidende Wandel vom eleganten Wohnboulevard zur geschäftigen Einkaufsstraße wurde 1907 eingeleitet. In diesem Jahr eröffnete der Kaufmann Adolf Jandorf an der Ecke zum Wittenbergplatz das „Kaufhaus des Westens“, kurz KaDeWe. Mit seinem luxuriösen Sortiment, seiner beeindruckenden Architektur und modernen Verkaufskonzepten setzte das Warenhaus völlig neue Maßstäbe und zog ein kaufkräftiges Publikum aus ganz Berlin und dem Umland an. Das KaDeWe wirkte wie ein Magnet und zog in seinem Sog weitere Geschäfte, Cafés und Kinos an. Die Erdgeschosse der Wohnhäuser wurden zunehmend in Ladenlokale umgewandelt, und die Tauentzienstraße entwickelte sich in den „Goldenen Zwanzigern“ zu einer der lebhaftesten Geschäftsstraßen der Stadt, die in einem Atemzug mit der Friedrichstrasse genannt wurde. Diese Transformation legte den Grundstein für den Mythos der Tauentzienstraße als kommerzielles Zentrum, ein Image, das die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überdauern sollte.
Die Bedeutung der Tauentzienstraße im Wandel
Nach den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs lag auch die Tauentzienstraße in Trümmern. Doch mit der Teilung der Stadt begann ihr beispielloser Aufstieg zum Symbol West-Berlins. Während die historische Mitte um Unter den Linden im sowjetischen Sektor lag, entwickelte sich die City West rund um den Kurfürstendamm, den Breitscheidplatz und die Tauentzienstraße zum neuen, pulsierenden Herzen der „Inselstadt“. Die Tauentzienstraße wurde zum „Schaufenster des Westens“, einer glitzernden Zurschaustellung des Wirtschaftswunders und der westlichen Konsumkultur. Die schnelle Wiedereröffnung des KaDeWe bereits 1950 war ein starkes Signal des Wiederaufbauwillens. Für West-Berliner:innen war ein Bummel über die „Tauentzien“ ein Stück Normalität und Freiheit, für Besucher:innen aus der DDR ein Blick in eine andere Welt. Diese symbolische Aufladung machte die Straße zu mehr als nur einem Ort des Einkaufens; sie war ein politisches Statement.
Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 änderte sich die Situation erneut. Die Stadt hatte wieder ein historisches Zentrum, und neue kommerzielle Konkurrenz entstand am Potsdamer Platz und in der sanierten Friedrichstrasse. Manche prophezeiten den Niedergang der City West. Doch die Tauentzienstraße bewies ihre Resilienz. Sie behauptete ihre Position als eine der frequenzstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands, was das offizielle Portal der Stadt Berlin bestätigt. Sie p
asste sich an, zog internationale Modeketten an und modernisierte ihr Erscheinungsbild. Ein wichtiges Symbol dieser Ära ist die 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins aufgestellte Skulptur „Berlin“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. Die monumentale Stahlplastik, die an eine zerbrochene Kette erinnert, wurde ursprünglich als Mahnmal für die geteilte Stadt konzipiert und steht heute als Zeugnis der überwundenen Teilung mitten auf dem Boulevard. In den 2010er und 2020er Jahren steht die Straße vor neuen Herausforderungen durch den Online-Handel und sich wandelnde Konsumgewohnheiten, bleibt aber ein zentraler Ankerpunkt des Berliner Einzelhandels.
Architektur und Stadtbild

Das architektonische Gesicht der Tauentzienstraße ist heute weniger von der ursprünglichen Gründerzeitpracht als vielmehr von den Schichten des Wiederaufbaus und der Modernisierung geprägt. Das alles überragende Wahrzeichen ist und bleibt das KaDeWe am Wittenbergplatz. Sein ursprünglicher Bau von 1907 wurde im Krieg schwer beschädigt und in den 1950er Jahren unter der Leitung des Architekten Hans Soll in einer schlichteren, aber dennoch monumentalen Form wiederaufgebaut. Die übe
r die Jahrzehnte erfolgten Erweiterungen und Umbauten, zuletzt die Neugestaltung der Fassade und der Innenräume in den 2020er Jahren, spiegeln die architektonische Evolution eines modernen Warenhauses wider. Ein weiteres architektonisches Juwel befindet sich direkt gegenüber: der U-Bahnhof Wittenbergplatz. Das von Alfred Grenander entworfene und 1913 eröffnete kreuzförmige Empfangsgebäude mit seiner imposanten Kuppelhalle ist ein Meisterwerk des Jugendstils und der frühen Verkehrsarchitektur. Wir in der Redaktion kennen den Anblick gut, wenn wir von Schöneberg kommend hier umsteigen und aus dem historischen Ambiente des Bahnhofs direkt in das geschäftige Treiben der Tauentzienstraße treten.
Abgesehen von diesen beiden Solitären wird das Straßenbild von den Geschäftshäusern der Nachkriegsmoderne dominiert. Die Baulücken, die der Krieg gerissen hatte, wurden in den 1950er und 1960er Jahren mit funktionalen, oft schmucklosen Bauten gefüllt, deren Hauptzweck die Maximierung von Verkaufsflächen war. Charakteristisch sind die breiten Glasfronten der Erdgeschosse und die klar strukturierten Fassaden der oberen Stockwerke. Am westlichen Ende, am Übergang zum Breitscheidplatz, wird die Tauentzienstraße vom Komplex des 1965 eröffneten Europa-Centers flankiert. Dieses Ensemble aus Hochhaus, Flachbauten und dem berühmten „Wasserklops“-Brunnen ist ein ikonisches Beispiel der West-Berliner Nachkriegsarchitektur und markiert den Endpunkt der Straße. Das prägnanteste Kunstwerk im öffentlichen Raum ist zweifellos die bereits erwähnte vierteilige Chrom-Nickel-Stahl-Skulptur „Berlin“, die auf dem Mittelstreifen steht und mit ihrer dynamischen, verflochtenen Form einen starken visuellen Akzent setzt.
Verkehr, Anbindung und Alltag
Die Tauentzienstraße ist nicht nur eine Einkaufsmeile, sondern auch eine zentrale Verkehrsader der City West. Sie bündelt den motorisierten Verkehr, der vom Westen Berlins, etwa von der Bismarckstraße oder der Kantstraße, in Richtung Zentrum fließt. Mehrere Fahrspuren in jede Richtung und ein breiter Mittelstreifen zeugen von der autogerechten Stadtplanung der Nachkriegszeit. Dieser Fokus auf den Autoverkehr prägt bis heute den lauten und geschäftigen Charakter der Straße. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Paradebeispiel für eine gelungene Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, was ihre hohe Frequenz erst ermöglicht. Der U-Bahnhof Wittenbergplatz ist einer der wichtigsten Knotenpunkte im Berliner U-Bahn-Netz, an dem sich die Linien U1, U2 und U3 kreuzen. Von hier aus sind fast alle Teile der Stadt schnell erreichbar. Zahlreiche Buslinien, darunter die Metrobusse M19, M29 und M46, halten entlang der Straße und verbinden sie mit den umliegenden Kiezen.
Für die meisten Menschen ist die Tauentzienstraße jedoch ein Ort, den man zu Fuß erlebt. Die breiten Gehwege auf beiden Seiten sind fast zu jeder Tages- und Jahreszeit von einer dichten Menschenmenge gefüllt. Hier mischen sich Touristengruppen aus aller Welt mit ihren Einkaufstüten mit Berliner:innen, die gezielt ein Geschäft ansteuern oder die Straße als Transitroute nutzen. Auf unserem Weg vom Breitscheidplatz in Richtung KaDeWe beobachten wir regelmäßig dieses bunte Treiben: Straßenmusiker:innen, Imbissstände, die den Duft von Currywurst verströmen, und die ständige Bewegung der Passanten. Die Straße is
t eine Bühne des städtischen Lebens. Ihre Bedeutung geht über das reine Shopping hinaus. Sie ist ein Ort der Begegnung, des Sehens und Gesehenwerdens. Besonders in der Vorweihnachtszeit, wenn die Lichterketten leuchten und die Nähe zum Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche für zusätzliche Besucherströme sorgt, entfaltet die Tauentzienstraße eine ganz besondere, fast magische Atmosphäre, die sie zu einem unverzichtbaren Teil des Berliner Stadtgefüges macht.
Namensgebung
- Namensgeber
-
Bogislav Friedrich Emanuel Graf von Tauentzien
(1760–1824)
Person - Benennung
- 1864-09-05
- Hintergrund
- Preußischer General der Infanterie, der eine wichtige Rolle in den Napoleonischen Kriegen spielte. Er war Militärgouverneur zwischen Elbe und Oder und verteidigte erfolgreich die Stadt Wittenberg. Die Benennung erfolgte im Rahmen des sogenannten „Generalszugs“.
Zeitleiste
-
1864
Die Straße wird im Rahmen des Bebauungsplans angelegt und nach dem preußischen General von Tauentzien benannt.
Quelle: Kauperts Straßenführer durch Berlin -
1907
Adolf Jandorf eröffnet das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) am Wittenbergplatz.
Quelle: Geschichte des KaDeWe -
1913
Der repräsentative Neubau des U-Bahnhofs Wittenbergplatz nach Plänen von Alfred Grenander wird fertiggestellt.
Quelle: Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Chronik -
1943
Ein amerikanisches Flugzeug stürzt in das KaDeWe, das daraufhin größtenteils ausbrennt; auch andere Gebäude der Straße werden schwer beschädigt.
Quelle: Chronik Berlins -
1950
Die ersten beiden Etagen des KaDeWe werden feierlich wiedereröffnet, ein Symbol für den Wiederaufbau West-Berlins.
Quelle: Stadtmuseum Berlin -
1965
Das benachbarte Europa-Center am Breitscheidplatz wird eröffnet und prägt fortan das westliche Ende der Straße.
Quelle: Architekturführer Berlin -
1987
Die Skulptur „Berlin“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff wird anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins auf dem Mittelstreifen aufgestellt.
Quelle: berlin.de
