Bornholmer Straße

Die Bornholmer Straße im Berliner Bezirk Pankow ist weit mehr als nur eine 800 Meter lange Verbindung zwischen der Schönhauser Allee und der Bösebrücke.

Die Bornholmer Straße im Berliner Bezirk Pankow ist weit mehr als nur eine 800 Meter lange Verbindung zwischen der Schönhauser Allee und der Bösebrücke. Für uns in der BerlinEcho-Redaktion ist sie ein lebendiges Geschichtsbuch, dessen entscheidendes Kapitel in einer kalten Novembernacht geschrieben wurde. Am 9. November 1989 wurde der Grenzübergang an dieser Strasse zum Epizentrum eines weltverändernden Ereignisses: dem Fall der Berliner Mauer. Hier st

römten die ersten Ost-Berliner Bürgerinnen und Bürger in den Westen und besiegelten das Ende der deutschen Teilung. Diese historische Dimension prägt die Strasse bis heute und macht sie zu einem der bedeutendsten Orte der jüngeren deutschen Geschichte. Wir haben uns auf eine Spurensuche begeben, um die vielschichtige Identität dieser Strasse zu ergründen, von ihren Anfängen im Kaiserreich über ihre Zeit als Symbol des Kalten Krieges bis hin zu ihrer heutigen Rolle als pulsierende Ader im Herzen von Prenzlauer Berg.

Geschichte und Ursprung

Bornholmer Straße — Geschichte und Ursprung
Wikimedia Commons: IngolfBLN (CC BY-SA 2.0)

Die Entstehungsgeschichte der Bornholmer Straße ist eng mit der rasanten Expansion Berlins um die Wende zum 20. Jahrhundert verknüpft. Im Rahmen des Hobrecht-Plans, der die städtebauliche Entwicklung der wachsenden Metropole ordnen sollte, wurde die Strasse als Teil des sogenannten „Nordischen Viertels“ angelegt. Wie wir aus den Aufzeichnungen des Straßenlexikons des Luisenstädtischen Bildungsvereins bei Kauperts wissen, erhielt sie ihren Namen am 12. Mai 1903. Die Benennung erfolgte nach der dänischen Ostseeinsel Bornholm und fügt sich in das Konzept des Viertels ein, in dem auch andere Strassen nach skandinavischen Orten benannt sind, wie etwa die Osloer Straße auf der anderen Seite der S-Bahn-Trasse. Die Strasse sollte eine wichtige Verbindungsachse zwischen den damals noch eigenständigen Gemeinden Pankow und dem Berliner Bezirk Wedding schaffen.

Ein zentrales Bauwerk, das die Strasse von Anfang an definierte, ist die imposante Bösebrücke, die die weitläufigen Gleisanlagen der Stettiner Bahn (heute Nord-Süd-S-Bahn) überspannt. Als sie 1916 fertiggestellt wurde, trug sie zunächst den Namen Hindenburgbrücke. Sie galt als eine technische Meisterleistung ihrer Zeit, eine genietete Stahlbogenbrücke, die den zunehmenden Verkehr aufnehmen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1948, wurde sie zu Ehren des von den Nationalsozialisten ermordeten Widerstandskämpfers Wilhelm Böse in Bösebrücke umbenannt. Diese Brücke war nicht nur eine verkehrstechnische Notwendigkeit, sondern wurde später zu einem Symbol der Trennung und schließlich der Wiedervereinigung, da der Grenzübergang direkt an ihrem östlichen Ende lag.

Die Bornholmer Straße und der Fall der Mauer

Kein Ereignis hat die Bornholmer Straße so nachhaltig geprägt wie der 9. November 1989. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wurde die Strasse abrupt geteilt. Die Bösebrücke, einst eine Verbindung zwischen Prenzlauer Berg und Wedding, wurde zur Sackgasse und zum Standort eines der wichtigsten Grenzübergänge für den zivilen Verkehr zwischen Ost- und West-Berlin. Jahrzehntelang war sie für die meisten Ost-Berliner ein Ort der unerreichbaren Ferne, ein Symbol der Trennung von Freunden, Familien und einer anderen Welt. Wir haben in Archiven recherchiert und mit Zeitzeugen gesprochen, die die beklemmende Atmosphäre dieser Zeit beschrieben: die Wachtürme, die Panzersperren und die allgegenwärtige Präsenz der Grenztruppen der DDR.

Alles änderte sich an jenem historischen Abend. Nach der missverständlichen Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, in der er neue Reiseregelungen als „sofort, unverzüglich“ gültig erklärte, versammelten sich Tausende Ost-Berliner am Grenzübergang Bornholmer Straße und forderten die Öffnung. Der diensthabende Leiter der Passkontrolleinheit, Oberstleutnant Harald Jäger, sah sich einem unvorstellbaren Druck ausgesetzt. Ohne klare Befehle von seinen Vorgesetzten und angesichts der immer größer werdenden Menschenmenge traf er um 23:30 Uhr die folgenschwere und mutige Entscheidung, den Schlagbaum zu öffnen. Es war der Moment, in dem die Mauer fiel. Die Bilder der jubelnden Menschen, die über die Bösebrücke in den Westen strömten, gingen um die Welt und machten die Bornholmer Straße über Nacht zu einem globalen Symbol für Freiheit und das Ende des Kalten Krieges.

Heute erinnert der „Platz des 9. November 1989“ am östlichen Ende der Brücke an diese Ereignisse. Eine Open-Air-Ausstellung mit Fotos und Informationstafeln dokumentiert die dramatischen Stunden. Ein erhaltener Abschnitt der Hinterlandmauer und ein originaler Wachturm machen die Geschichte greifbar. Für uns als Redaktion ist ein Spaziergang an diesem Ort immer wieder bewegend. Besonders im Frühling, wenn die von Japan im Rahmen der „Sakura-Kampagne“ gespendeten Kirschbäume entlang des ehemaligen Mauerstreifens blühen, wird der Wandel von einem Ort der Trennung zu einem Ort der Erinnerung und des Lebens eindrucksvoll sichtbar.

Architektur und Stadtbild

Das architektonische Gesicht der Bornholmer Straße ist zweigeteilt und spiegelt ihre Geschichte wider. Der östliche Teil, der zur Schönhauser Allee führt, ist geprägt von klassischen Berliner Altbauten aus der Gründerzeit. Hier finden sich vier- bis fünfgeschossige Mietshäuser mit Stuckfassaden, Erkern und den typischen, ineinander übergehenden Innenhöfen. Diese Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert verleihen der Strasse den charakteristischen Charme von Prenzlauer Berg. Viele dieser Gebäude wurden nach der Wiedervereinigung aufwendig saniert und beherbergen heute eine Mischung aus alteingesessenen und neuen Anwohnern, kleinen Läden und Cafés.

Das dominierende Bauwerk ist und bleibt jedoch die Bösebrücke. Mit ihrer eleganten Stahlbogenkonstruktion und einer Länge von 128 Metern ist sie nicht nur ein Verkehrsbauwerk, sondern auch ein Industriedenkmal. Ihre genietete Stahlstruktur ist ein Zeugnis der Ingenieurskunst des frühen 20. Jahrhunderts. Von der Brücke aus bietet sich ein beeindruckender, fast filmischer Panoramablick über das riesige Gleisfeld des S-Bahnhofs Bornholmer Straße. Dieser Blick, den wir auf unseren Recherchewegen oft genießen, vermittelt ein Gefühl für die Weite und die industrielle Vergangenheit Berlins. Westlich der Brücke ändert sich das Stadtbild. Hier beginnt der Ortsteil Gesundbrunnen im Bezirk Mitte, und die Architektur wird heterogener, mit Bauten aus verschiedenen Nachkriegsepochen.

Eine besondere städtebauliche Entwicklung hat der ehemalige Mauerstreifen erfahren. Wo einst der Todesstreifen verlief, erstreckt sich heute ein Grünzug. Der bekannteste Teil ist der Hain mit den japanischen Kirschbäume, der sich entlang der Bahntrasse erstreckt. Diese Allee ist nicht nur ein Ort der Naherholung, sondern auch ein lebendiges Denkmal, das die Transformation von einer Wunde der Stadt zu einem Ort der Schönheit und des Friedens symbolisiert. Die Kombination aus historischer Wohnbebauung, einem monumentalen Ingenieurbauwerk und neugewonnenen Grünflächen macht den einzigartigen Charakter der Bornholmer Straße aus.

Verkehr, Anbindung und Alltag

In ihrer Funktion als Verkehrsachse ist die Bornholmer Straße heute so wichtig wie nie zuvor. Sie ist eine der zentralen Ost-West-Verbindungen im Norden Berlins und schlägt eine Brücke zwischen den Bezirken Pankow und Mitte (Ortsteil Gesundbrunnen). Täglich überqueren Tausende von Autos, Radfahrern und Fußgängern die Bösebrücke. Für uns als Berliner Redaktion ist es immer wieder faszinierend zu beobachten, wie hier die unterschiedlichen Kieze aufeinandertreffen – das gentrifizierte, familienfreundliche Prenzlauer Berg auf der einen und das multikulturelle, quirlige Gesundbrunnen auf der anderen Seite.

Ihre überragende verkehrstechnische Bedeutung verdankt die Strasse jedoch dem gleichnamigen S-Bahnhof. Der Bahnhof Bornholmer Straße ist einer der wichtigsten Umsteigepunkte im Norden der Stadt. Hier kreuzen sich die Ringbahn (S41/S42) sowie die Nord-Süd-Linien S1, S2, S25, S26 und S85. Er verbindet die nördlichen Vororte wie Oranienburg und Bernau direkt mit dem Stadtzentrum rund um die Friedrichstrasse und dem Süden Berlins. Nach dem Mauerbau war der Bahnhof ein sogenannter „Geisterbahnhof“, dessen Bahnsteige für die Nord-Süd-Linien ohne Halt durchfahren wurden, während die Ringbahn hier endete. Seit der Wiedereröffnung 1990 ist er wieder zu einem pulsierenden Knotenpunkt des öffentlichen Nahverkehrs geworden.

Der Alltag in der Bornholmer Straße ist geprägt von dieser ständigen Bewegung. Morgens und abends strömen Pendler zum S-Bahnhof, tagsüber prägen Anwohner, Touristen auf dem Weg zum Mauerdenkmal und Lieferverkehr das Bild. Trotz des hohen Verkehrsaufkommens hat sich vor allem im östlichen Teil eine lebendige Nachbarschaft mit kleinen Geschäften, Bäckereien und Restaurants etabliert. Die Strasse ist somit nicht nur ein Transitraum und ein historischer Ort, sondern auch ein alltäglicher Lebensraum für Tausende von Berlinern.

Namensgebung

Namensgeber
Bornholm
Ort / Geografie
Benennung
1903-05-12
Hintergrund
Bornholm ist eine dänische Insel in der Ostsee. Die Benennung der Strasse erfolgte am 12. Mai 1903 im Zuge der Anlage des sogenannten „Nordischen Viertels“ in Prenzlauer Berg, in dem viele Strassen nach skandinavischen Orten und Städten benannt wurden.

Zeitleiste

  1. 1903

    Die Strasse wird offiziell nach der dänischen Ostseeinsel Bornholm benannt.

    Quelle: Straßenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins
  2. 1916

    Die Brücke über die Bahngleise wird als 'Hindenburgbrücke' für den Verkehr freigegeben.

    Quelle: Wikipedia
  3. 1948

    Die Hindenburgbrücke wird zu Ehren des Widerstandskämpfers Wilhelm Böse in 'Bösebrücke' umbenannt.

    Quelle: berlin.de
  4. 1961

    Mit dem Bau der Berliner Mauer wird an der Bösebrücke ein Grenzübergang eingerichtet.

    Quelle: Chronik der Mauer
  5. 1989

    Am 9. November um 23:30 Uhr wird der Grenzübergang als erster in Berlin geöffnet, was den Fall der Mauer einleitet.

    Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung
  6. 1990

    Der S-Bahnhof Bornholmer Straße wird nach jahrzehntelanger Unterbrechung wieder vollständig in Betrieb genommen.

    Quelle: Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Archiv
  7. 2000

    Im Rahmen der TV-Asahi-Kirschblütenallee werden am ehemaligen Mauerstreifen japanische Kirschbäume gepflanzt.

    Quelle: berlin.de

Kiez & Atmosphäre

Wenn wir heute die Bornholmer Straße entlanggehen, erleben wir eine faszinierende Überlagerung von Geschichte und Gegenwart. Die Strasse ist kein stilles Museum, sondern ein lebendiger Teil Berlins. Im östlichen Abschnitt, nahe der Schönhauser Allee, pulsiert das typische Leben von Prenzlauer Berg: Familien mit Kinderwagen, Studierende auf dem Weg zur S-Bahn und Anwohner, die in den kleinen Cafés und Bäckereien ihren Kaffee trinken. Die sanierten Altbauten strahlen eine ruhige Eleganz aus, während der Verkehr auf der Strasse ein konstantes Grundrauschen erzeugt. Die Atmosphäre ist geschäftig, aber gleichzeitig entspannt und nachbarschaftlich. Der Charakter der Strasse ändert sich spürbar, sobald man sich der Bösebrücke nähert. Hier weitet sich der Raum, der Blick schweift über das riesige Gleisbett und die Dächer der Stadt. Auf dem „Platz des 9. November 1989“ halten oft Touristengruppen inne, um die Informationstafeln zu studieren. Für uns als Redaktion ist dies der Punkt, an dem die Alltagsroutine durchbrochen wird. Man spürt das Gewicht der Geschichte, das hier in der Luft liegt. Überquert man die Brücke Richtung Wedding, taucht man in eine andere Berliner Welt ein. Diese tägliche, selbstverständliche Querung, die für Tausende zur Normalität gehört, bleibt für jeden, der die Geschichte kennt, ein kleines Wunder und ein starkes Symbol für das wiedervereinigte Berlin.

Quellen

  1. Bornholmer Straße im Berliner Straßenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins · Web
  2. Grenzübergang Bornholmer Straße · Web
  3. Platz des 9. November 1989 · Web
  4. Bösebrücke · Web