Allee der Kosmonauten

Die Allee der Kosmonauten ist eine der prägendsten und längsten Magistralen im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

Die Allee der Kosmonauten ist eine der prägendsten und längsten Magistralen im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Auf einer beeindruckenden Länge von 5,6 Kilometern durchquert sie den Ortsteil Marzahn und fungiert als dessen Hauptschlagader, die das Leben, die Geschichte und die städtebauliche Vision eines ganzen Stadtteils widerspiegelt. Entstanden in den 1970er Jahren als Rückgrat der Grosssiedlung Marzahn, ist ihre Geschichte untrennbar mit der der DDR und dem Traum vom modernen, sozialistischen Wohnen verbunden. Ihr Name selbst ist ein Denkmal für den technologischen Wettstreit des Kalten Krieges und den Stolz auf die Errungenschaften der Raumfahrt. Wir in der Redaktion haben diese Strasse oft als Sinnbild für den Wandel Ost-Berlins wahrgenommen. In diesem Artikel nehmen wir Sie mit auf eine Reise entlang dieser monumentalen Allee, beleuchten ihre Entstehung, ihre architektonische Identität und ihre heutige Bedeutung im Alltag der Berlinerinnen und Berliner.

Geschichte und Ursprung

Die Entstehung der Allee der Kosmonauten ist direkt an die grösste städtebauliche Anstrengung der DDR geknüpft: die Errichtung der Grosssiedlung Marzahn ab 1975. Um Wohnraum für über 100.000 Menschen zu schaffen, wurde auf den ehemaligen Rieselfeldern im Osten Berlins ein komplett neuer Stadtteil in industrieller Plattenbauweise hochgezogen. Für ein solches Projekt war eine leistungsfähige verkehrstechnische Infrastruktur unerlässlich. Die Allee der Kosmonauten wurde als zentrale Nord-Süd-Achse konzipiert, um die neuen Wohngebiete zu erschliessen und an das Stadtzentrum anzubinden. Sie entstand jedoch nicht auf der grünen Wiese, sondern wurde aus bereits existierenden Strassenzügen neu geformt. Wie das Strassenlexikon des Kaupert-Verlags belegt, wurden dafür Teilstücke der Springpfuhlstrasse und des Wiesenburger Wegs zusammengefasst, begradigt und zu einer breiten, mehrspurigen Magistrale ausgebaut.

Ihren symbolträchtigen Namen erhielt die Strasse am 22. September 1978. Das Datum war kein Zufall: Nur wenige Wochen zuvor, am 26. August 1978, war Sigmund Jähn als erster Deutscher an Bord der sowjetischen Sojus 31 ins All geflogen. Dieses Ereignis war für die DDR-Führung von immenser propagandistischer Bedeutung und ein Beweis für die technologische und wissenschaftliche Zusammenarbeit innerhalb des sozialistischen Lagers. Die Benennung der neuen Hauptstrasse in der Vorzeigesiedlung Marzahn nach den „Kosmonauten“ war somit ein politischer Akt, der den Fortschrittsglauben und die Systemtreue zelebrieren sollte. Im Gegensatz zu älteren Prachtstrassen wie Unter den Linden oder der Karl-Marx-Allee, die auf eine lange, gewachsene Geschichte zurückblicken, ist die Allee der Kosmonauten ein reines Produkt der späten DDR-Moderne – geplant, gebaut und benannt in einem einzigen, kurzen Zeitfenster.

Die Bedeutung der Allee der Kosmonauten im Wandel

In den Jahren der DDR war die Allee der Kosmonauten mehr als nur eine Verkehrsachse; sie war ein Aushängeschild. Sie repräsentierte die Vision der sozialistischen Stadt: modern, funktional, mit grosszügigen Grünflächen und einer umfassenden sozialen Infrastruktur aus Schulen, Kindergärten und Polikliniken. Hier zu wohnen, galt als Privileg. Die breiten Fahrspuren, der separate Gleiskörper für die Strassenbahn und die weiten Abstände zwischen den Wohnblöcken vermittelten ein Gefühl von Raum und Ordnung, das in den engen Mietskasernenvierteln des 19. Jahrhunderts, wie man sie etwa entlang der Schönhauser Allee findet, undenkbar war. Die Strasse war Kulisse für das alltägliche Leben in einem der ambitioniertesten Wohnungsbauprojekte Europas.

Mit der Wiedervereinigung 1990 änderte sich die Wahrnehmung radikal. Marzahn und mit ihm die Allee der Kosmonauten wurden zum Synonym für die Probleme des Ostens: Abwanderung, Arbeitslosigkeit und ein negatives Image als monotone „Plattenwüste“. Die einstige Vorzeigestrasse stand plötzlich für die gescheiterte Utopie der DDR. Doch seit den frühen 2000er Jahren hat ein bemerkenswerter Wandel stattgefunden. Im Rahmen des Programms „Stadtumbau Ost“ wurden Milliarden in die Sanierung und Modernisierung der Wohnbestände investiert. Fassaden wurden farbenfroh gestaltet, Grundrisse verändert und das Wohnumfeld durch neue Grünanlagen und Spielplätze aufgewertet. Die Allee der Kosmonauten ist heute Zeugin dieses Transformationsprozesses. Sie ist keine reine Wohnstrasse mehr, sondern hat sich durch die Ansiedlung von Gewerbe, Dienstleistern und sozialen Einrichtungen diversifiziert. Die Internationale Gartenausstellung (IGA) 2017 im nahegelegenen Erholungspark Marzahn trug zusätzlich dazu bei, das Image des gesamten Bezirks positiv zu verändern und neue Besucher anzuziehen.

Architektur und Stadtbild

Das architektonische Gesicht der Allee der Kosmonauten wird unverkennbar von der industriellen Bauweise der DDR geprägt. Dominant sind die Wohnblöcke des Typs WBS 70 (Wohnungsbauserie 70), dem am weitesten verbreiteten Plattenbausystem der DDR. Charakteristisch sind die standardisierten Elemente, die eine schnelle und kostengünstige Errichtung ermöglichten. Die Gebäude sind meist fünf, sechs oder elf Stockwerke hoch und reihen sich in einer lockeren, von grossen Grünflächen durchzogenen Zeilenbauweise entlang der Strasse. Dieses städtebauliche Konzept folgte der Charta von Athen und sollte eine klare Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Erholung gewährleisten. Das Ergebnis ist ein Stadtbild, das auf den ersten Blick uniform wirken mag, bei genauerem Hinsehen aber durch seine Grosszügigkeit und Durchgrünung besticht.

Ein markantes architektonisches Wahrzeichen und ein Solitär in der Plattenbaulandschaft ist die „Pyramide“ an der Kreuzung zur Landsberger Allee. Das 1994 fertiggestellte Bürohochhaus mit seiner gläsernen Fassade und der namensgebenden Spitze setzt einen starken Kontrapunkt zur umgebenden Bebauung und symbolisiert den Aufbruch in die Nachwendezeit. Ein weiteres wichtiges Element im Stadtbild sind die zahlreichen Kunstwerke im öffentlichen Raum, die im Rahmen des „Kunst am Bau“-Programms der DDR entstanden sind. Skulpturen und Mosaike sollten die oft als monoton empfundene Architektur auflockern und den Bewohnern eine kulturelle Identität stiften. Wenn wir in der Redaktion von der dichten Bebauung am Mehringdamm kommen und die Allee der Kosmonauten befahren, ist der Kontrast überwältigend: Die Weite des Raumes, die breiten Sichtachsen und die Dominanz des Himmels sind ein einzigartiges Berliner Erlebnis, das die stadtplanerischen Ideale einer vergangenen Epoche bis heute spürbar macht.

Verkehr, Anbindung und Alltag

Als eine der Hauptverkehrsadern im Osten Berlins ist die Allee der Kosmonauten für die Mobilität im Bezirk von zentraler Bedeutung. Mit ihren meist drei Fahrspuren pro Richtung ist sie für den motorisierten Individualverkehr ausgelegt und verbindet die Landsberger Allee im Süden mit der Märkische Allee und damit der Bundesstrasse B158 im Norden. Doch das eigentliche Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs bildet die Strassenbahn. Die Linien M8, 18 und M17 verkehren auf einem eigenen Gleisbett in der Mitte der Allee, was eine schnelle und stauunabhängige Verbindung quer durch Marzahn und weiter in die Innenstadtbezirke ermöglicht. Ergänzt wird das Angebot durch mehrere Buslinien sowie die Nähe zu den S-Bahnhöfen Springpfuhl und Poelchaustrasse, die eine Anbindung an die Ringbahn und die Linien ins Umland sicherstellen.

Der Alltag entlang der Allee ist geprägt von einer Mischung aus Wohnen, Einkaufen und Dienstleistungen. Grosse Supermärkte, kleine Geschäfte, Ärztehäuser und Apotheken decken den täglichen Bedarf der Anwohner. Soziale und kulturelle Einrichtungen wie das Freizeitforum Marzahn oder diverse Schulen und Kitas sind fussläufig erreichbar. Eine besondere Qualität gewinnt die Strasse durch die angrenzenden Grünflächen. Der grosse Springpfuhlpark mit seinem See bietet Raum für Erholung und Freizeitaktivitäten und ist ein beliebter Treffpunkt für die Nachbarschaft. Die Allee der Kosmonauten ist somit weit mehr als eine reine Transitstrecke. Sie ist ein lebendiger Stadtraum, der die verschiedenen Lebensbereiche seiner Bewohner miteinander verknüpft und die Funktionalität der geplanten Stadt bis heute unter Beweis stellt. Sie ist das funktionierende Herz eines Stadtteils, der oft unterschätzt wird.

Namensgebung

Namensgeber
Kosmonauten (insbesondere Sigmund Jähn) (1937–2019)
Ereignis
Benennung
1978-09-22
Hintergrund
Benannt zu Ehren der Raumfahrer (Kosmonauten), insbesondere nach dem erfolgreichen Raumflug von Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im Weltall. Die Benennung am 22. September 1978 war ein politisches Symbol für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und die Kooperation innerhalb des Ostblocks.

Frühere Namen

Alter Name Zeitraum Grund
Springpfuhlstraße (Teilstück) 1978 Zusammenfassung und Neubenennung im Zuge der Errichtung der Grosssiedlung Marzahn.
Wiesenburger Weg (Teilstück) 1978 Zusammenfassung und Neubenennung im Zuge der Errichtung der Grosssiedlung Marzahn.

Zeitleiste

  1. 1975

    Der Baubeginn für die Grosssiedlung Berlin-Marzahn wird offiziell eingeleitet.

    Quelle: Geschichte von Marzahn-Hellersdorf, Bezirksamt
  2. 1977

    Die ersten Mieter beziehen die neu errichteten Wohnungen in Marzahn.

    Quelle: Wikipedia
  3. 1978

    Die neu geschaffene Magistrale wird nach dem Raumflug von Sigmund Jähn in 'Allee der Kosmonauten' benannt.

    Quelle: Kauperts Strassenführer durch Berlin
  4. 1987

    Das Freizeitforum Marzahn, ein wichtiges Kulturzentrum, wird an der Allee eröffnet.

    Quelle: Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf
  5. 1990

    Die deutsche Wiedervereinigung leitet einen tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Wandel für die Strasse und den Bezirk ein.

    Quelle: Chronik der Wende
  6. 1994

    Das markante Bürohochhaus 'Die Pyramide' wird am südlichen Ende der Allee fertiggestellt.

    Quelle: Wikipedia
  7. 2002

    Umfassende Sanierungs- und Stadtumbauprogramme zur Aufwertung der Wohnquartiere beginnen.

    Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Kiez & Atmosphäre

Wenn wir heute die Allee der Kosmonauten entlangfahren, erleben wir eine Strasse, die ihre Geschichte nicht verbirgt, sondern sie selbstbewusst in die Gegenwart überführt hat. Die monumentale Weite und die klare Struktur der sozialistischen Stadtplanung sind nach wie vor das bestimmende Merkmal. Doch die einst grauen Fassaden der Plattenbauten leuchten heute in vielfältigen Farben, die Grünanlagen sind gepflegt und werden von Familien, Joggern und Spaziergängern intensiv genutzt. Die Strasse ist ein Spiegelbild der demografischen Entwicklung Marzahns: Neben den Erstbeziehern aus den 1970er und 80er Jahren leben hier heute Menschen aus aller Welt und junge Familien, die die vergleichsweise günstigen Mieten und die gute Infrastruktur schätzen. Die Atmosphäre ist pragmatisch und unprätentiös, weit entfernt vom touristischen Trubel einer Friedrichstrasse oder dem alternativen Chic einer Oranienstrasse. Hier geht es um den Alltag. Die Strassenbahn rattert verlässlich im Minutentakt, in den Supermärkten herrscht reges Treiben und auf den Spielplätzen wird gelacht. Unsere Redaktion beobachtet, dass die Allee der Kosmonauten ein Paradebeispiel für eine gelungene Transformation ist. Sie hat es geschafft, die Qualitäten ihrer ursprünglichen Planung – viel Licht, Luft und Grün – zu bewahren und sie gleichzeitig an die Bedürfnisse einer modernen, diversen Stadtgesellschaft anzupassen. Sie ist kein Museum der DDR, sondern ein lebendiger, funktionierender Teil Berlins.

Quellen

  1. Allee der Kosmonauten im Kaupert-Strassenführer · Web
  2. Allee der Kosmonauten · Web
  3. Die Geschichte Marzahns · Web
  4. Großsiedlungen · Web