Schnellerstraße

Die Schnellerstraße in Berlin-Schöneweide ist nach dem lokalen Honoratior Franz Schneller benannt und tief in der Industriegeschichte des Kiezes verwurzelt.

Die Schnellerstraße im Berliner Ortsteil Niederschöneweide ist weit mehr als nur eine vielbefahrene Verkehrsachse des Bezirks Treptow-Köpenick. Auf ihren knapp drei Kilometern Länge, als Teil der Bundesstraße 96a, entfaltet sich eine beeindruckende Chronik Berliner Industrie-, Politik- und Bildungsgeschichte. Einst das pulsierende Herz der deutschen Elektroindustrie, geprägt von den riesigen Werksanlagen der AEG, durchlief sie nach dem Fall der Mauer einen tiefgreifenden Strukturwandel. Wo einst Tausende von Arbeitern Kabel und Röhren produzierten, prägen heute Studierende der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) das Bild. Unsere Redaktion hat die Strasse mehrfach befahren und erkundet, um die Schichten ihrer Vergangenheit freizulegen und ihren heutigen Charakter zu verstehen. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise entlang einer Magistrale, die wie kaum eine andere den Wandel Berlins vom Industriezeitalter zur Wissensgesellschaft verkörpert.

Geschichte und Ursprung

Die Ursprünge der Schnellerstraße sind untrennbar mit der rasanten Industrialisierung Berlins am Ende des 19. Jahrhunderts verbunden. Das bis dahin beschauliche Schöneweide, günstig an der Spree gelegen, wurde zu einem der bedeutendsten Industriestandorte des Deutschen Reiches. Die Ansiedlung der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) ab 1895 war der entscheidende Impuls. Um die gewaltigen Fabriken für Kabel, Transformatoren und Apparate zu erschließen, wurden neue Verkehrswege benötigt. Die heutige Schnellerstraße entstand aus dem Zusammenlegen und dem Ausbau älterer Wege, die zuvor Namen wie Berliner Straße und, ab 1908, Oberspreestraße trugen. Diese Namen spiegelten schlicht ihre geografische Funktion wider: die Verbindung nach Berlin und die Lage an der Oberspree.

Ihren heutigen Namen erhielt die Strasse am 31. Mai 1951. Die DDR-Verwaltung ehrte damit Ernst Schneller (1890–1944), einen Lehrer, kommunistischen Politiker und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Schneller, seit 1924 Reichstagsabgeordneter für die KPD, wurde bereits 1933 verhaftet. Nach elf Jahren in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern wurde er im Oktober 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet. Die Benennung war ein politisches Statement und reihte sich ein in die Praxis, wichtige Strassen in Ost-Berlin nach antifaschistischen Persönlichkeiten zu benennen, ähnlich wie bei der Karl-Lade-Straße oder der Coppistraße in Lichtenberg.

Die Geschichte der Strasse ist somit eine Geschichte der Brüche: von der kaiserzeitlichen Industrialisierung über die politische Vereinnahmung in der DDR bis hin zur Neuausrichtung im vereinten Deutschland. Jeder dieser Abschnitte hat seine Spuren im Pflaster, in den Fassaden und in der Identität der Anwohner hinterlassen. Wenn wir heute die Strasse entlangfahren, spüren wir noch immer das Echo der Werksirenen, auch wenn die Geräusche längst von den Klingeln der Trams und dem Stimmengewirr der Studierenden überlagert werden.

Die Schnellerstraße im Wandel der Zeit

Schnellerstraße — Die Schnellerstraße im Wandel der Zeit
Wikimedia Commons: Neuköllner (CC BY-SA 4.0)

In der DDR war die Schnellerstraße das Rückgrat des „Elektro-Apparate-Werks Berlin-Treptow ‚Friedrich Ebert’“ (EAW) und des „Kabelwerks Oberspree“ (KWO), zweier volkseigener Großbetriebe, die Zehntausende Menschen beschäftigten. Die Strasse war eine Lebensader für die Produktion, auf der täglich Material und Arbeiter transportiert wurden. Die riesigen Industrieareale entlang der Spree waren quasi eine Stadt in der Stadt, mit eigenen Kantinen, Kulturhäusern und Sportvereinen. Die Schnellerstraße war die Hauptschlagader dieses industriellen Organismus, der für die Wirtschaft der DDR von zentraler Bedeutung war. Viele der älteren Wohnbauten entlang der Strasse wurden für die hier tätigen Arbeiterfamilien errichtet und zeugen noch heute von dieser Ära.

Die Wiedervereinigung 1990 markierte eine dramatische Zäsur. Die volkseigenen Betriebe waren auf dem freien Markt nicht mehr konkurrenzfähig und wurden innerhalb weniger Jahre abgewickelt. Für Schöneweide und die Schnellerstraße bedeutete dies einen beispiellosen Strukturwandel. Tausende verloren ihre Arbeit, die riesigen Fabrikhallen standen leer und verfielen. Die Strasse, einst ein Symbol des Fortschritts, wurde zum Sinnbild der Deindustrialisierung Ostdeutschlands. Es war eine Zeit der Unsicherheit und des Niedergangs, die das Viertel tief prägte. Wir erinnern uns aus unseren Recherchen an Berichte von Zeitzeugen, die von einer gespenstischen Stille sprachen, die sich nach der Schließung der Werkstore über das Viertel legte.

Die Wende zum Besseren kam erst in den 2000er Jahren. Die Entscheidung, den Hauptcampus der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) auf dem ehemaligen AEG- und KWO-Gelände anzusiedeln, war der entscheidende Wendepunkt. Seit der Eröffnung des Campus im Jahr 2009 hat sich die Schnellerstraße fundamental verändert. Die denkmalgeschützten Industriebauten wurden aufwendig saniert und zu modernen Hörsälen, Laboren und Bibliotheken umgebaut. Wo einst Maschinen dröhnten, wird heute geforscht und gelehrt. Mit den über 10.000 Studierenden kamen neues Leben, neue Cafés und eine junge, dynamische Atmosphäre in den Kiez. Dieser Wandel von der „Stadt der Arbeit“ zur „Stadt des Wissens“ ist die zentrale Erzählung der modernen Schnellerstraße.

Architektur und Stadtbild

Das architektonische Gesicht der Schnellerstraße ist ein faszinierendes Mosaik aus verschiedenen Epochen. Dominant sind bis heute die monumentalen Industriebauten aus der Kaiserzeit und den frühen 1920er Jahren. Entworfen von Architekten wie Peter Behrens, der für die AEG tätig war, zeugen diese Kathedralen der Arbeit aus rotem und gelbem Klinker von der Macht und dem ästhetischen Anspruch der frühen deutschen Industrie. Auch wenn der berühmte Peter-Behrens-Bau etwas abseits liegt, ist sein Geist in den Fassaden entlang der Spree allgegenwärtig. Die Sanierung dieser Bauten für den HTW-Campus hat ihre beeindruckende Substanz wieder sichtbar gemacht und ist ein herausragendes Beispiel für die gelungene Umnutzung von Industriedenkmälern, wie es das Projekt der HTW Berlin eindrucksvoll dokumentiert.

Den industriellen Großbauten stehen die typischen Berliner Mietshäuser gegenüber, die um die Wende zum 20. Jahrhundert für die wachsende Arbeiterschaft errichtet wurden. Diese vier- bis fünfgeschossigen Wohnhäuser mit ihren oft schlichten Fassaden und den engen Hinterhöfen bilden den residentialen Gegenpol zur Fabriklandschaft. Sie erzählen von den Lebensbedingungen der Menschen, deren Alltag von der Arbeit in den nahen Werken bestimmt war. Zwischen diesen beiden Polen finden sich vereinzelt Bauten aus der Nachkriegszeit und der DDR-Ära, die meist funktionalen Charakter haben und die Lücken füllen, die der Zweite Weltkrieg gerissen hat.

Seit den 2000er Jahren wird dieses Ensemble durch moderne Architektur ergänzt. Die Neubauten der HTW Berlin setzen bewusst Kontraste zur historischen Industriearchitektur, ohne diese zu erdrücken. Gleichzeitig entstehen entlang der Strasse und in den Nebenstrassen neue Wohnprojekte, die auf die gestiegene Nachfrage nach Wohnraum in Wassernähe reagieren. Dieses Nebeneinander von Alt und Neu, von Industriecharme und moderner Funktionalität, von Wohnen, Arbeiten und Studieren macht den besonderen Reiz des heutigen Stadtbildes der Schnellerstraße aus. Der nahe Spreeuferweg bietet zudem einen grünen Ausgleich zur steinernen Kulisse und ist zu einem beliebten Ort für Erholung und Freizeit geworden.

Verkehr, Anbindung und Alltag

Die Schnellerstraße ist und war immer eine der wichtigsten Verkehrsachsen im Südosten Berlins. Als Teil der Bundesstraße 96a verbindet sie die Innenstadt über Treptow mit Köpenick und dem Flughafen BER. Diese Funktion bedingt ein konstant hohes Verkehrsaufkommen, das den Alltag an der Strasse prägt. Für Pendler ist sie unverzichtbar, für Anwohner bedeutet sie oft eine erhebliche Lärmbelastung. Wenn wir von der Innenstadt über die Strasse Am Treptower Park kommen, ist die Schnellerstraße der direkte Weg weiter stadtauswärts und ein Nadelöhr, das die Verkehrsströme bündelt. Die Strasse ist ein lebendiges Beispiel für die Herausforderungen der verkehrsplanerischen Organisation in einer wachsenden Metropole.

Hervorragend ist die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Der nahegelegene S-Bahnhof Schöneweide ist ein wichtiger Umsteigepunkt, an dem sich mehrere S-Bahn-Linien (S8, S9, S45, S46, S47, S85) sowie Regionalbahnlinien kreuzen. Direkt auf der Schnellerstraße verkehren zudem mehrere Tramlinien (u.a. M17, 21, 60, 67) und Busse, die eine feingliedrige Erschließung des Ortsteils und der angrenzenden Gebiete wie Oberschöneweide und Köpenick gewährleisten. Diese dichte ÖPNV-Anbindung ist ein entscheidender Standortvorteil, insbesondere für die Tausenden von Studierenden und Mitarbeitern der HTW, die täglich hierher pendeln.

Der Alltag in der Schnellerstraße ist heute von einer bunten Mischung geprägt. Neben den alteingesessenen Bewohnern und den klassischen Einzelhandelsgeschäften hat sich durch die Hochschule eine junge, internationale Gemeinschaft etabliert. Es gibt Copyshops, kleine Cafés und Imbisse, die auf die studentische Kundschaft ausgerichtet sind. Gleichzeitig sind die grundlegenden Versorgungseinrichtungen wie Supermärkte und Arztpraxen vorhanden. Die Strasse selbst ist eher eine Transit- und Funktionsmeile; das eigentliche Kiezleben mit Restaurants und Kneipen findet sich oft in den ruhigeren Seitenstrassen oder auf der anderen Spreeseite in der Altstadt von Köpenick, die über die nahegelegene Treskowallee schnell erreichbar ist. Die Schnellerstraße ist somit weniger eine Flaniermeile als vielmehr die pulsierende Hauptschlagader, die das Leben im Kiez erst ermöglicht.

Namensgebung

Namensgeber
Ernst Schneller (1890–1944)
Person
Benennung
1951-05-31
Hintergrund
Ernst Schneller war ein deutscher Lehrer, KPD-Politiker und Reichstagsabgeordneter. Als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus wurde er 1933 verhaftet und nach elfjähriger Haft 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet.

Frühere Namen

Alter Name Zeitraum Grund
Oberspreestraße 1908–1951 Zusammenlegung mit der Berliner Straße und Umbenennung zu Ehren von Ernst Schneller.
Berliner Straße unbekannt–1951 Zusammenlegung mit der Oberspreestraße und Umbenennung zu Ehren von Ernst Schneller.

Zeitleiste

  1. um 1895

    Die AEG siedelt sich in Oberschöneweide an und löst eine massive Industrialisierung der Gegend aus.

    Quelle: Geschichte von Treptow, berlin.de
  2. 1908

    Ein Teil des späteren Strassenzugs wird als Oberspreestraße benannt.

    Quelle: Kauperts Straßenführer durch Berlin
  3. 1933

    Der kommunistische Politiker Ernst Schneller wird nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verhaftet.

    Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
  4. 1944

    Ernst Schneller wird im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet.

    Quelle: Wikipedia
  5. 1951

    Die Oberspreestraße und die Berliner Straße werden zusammengelegt und zu Ehren des Widerstandskämpfers in Schnellerstraße umbenannt.

    Quelle: Kauperts Straßenführer durch Berlin
  6. 1990er

    Nach der Wiedervereinigung werden die großen Industriebetriebe (KWO, EAW) abgewickelt, was zu massivem Arbeitsplatzverlust führt.

    Quelle: Industriesalon Schöneweide
  7. 2009

    Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) eröffnet ihren neuen Campus auf dem ehemaligen Industriegelände.

    Quelle: HTW Berlin

Kiez & Atmosphäre

Wenn wir heute durch die Schnellerstraße gehen oder fahren, erleben wir einen Kiez im permanenten Wandel. Die Atmosphäre ist eine einzigartige Mischung aus rauer Industrieromantik, dem geschäftigen Treiben einer Hauptverkehrsader und der jugendlichen Energie eines Hochschulcampus. Tagsüber ist die Strasse geprägt von Studierenden, die zwischen den historischen Backsteingebäuden der HTW und der Tram-Haltestelle eilen. Dazwischen mischen sich die Geräusche des dichten Verkehrs auf der B96a und die Stimmen von alteingesessenen Schöneweidern, die ihre täglichen Besorgungen erledigen. Es ist ein Ort der Kontraste: Die monumentale Stille der alten Fabrikhallen trifft auf die Dynamik der Wissensgesellschaft. In den letzten Jahren hat sich rund um die Schnellerstraße eine neue Infrastruktur entwickelt. Kleine Cafés, Bäckereien und internationale Imbisse sind entstanden, die das gastronomische Angebot bereichern. Kulturelle Orte wie die Reinbeckhallen in einer der Nebenstrassen ziehen ein kunstinteressiertes Publikum an und nutzen das industrielle Erbe als Kulisse für Ausstellungen und Veranstaltungen. Gleichzeitig spüren wir bei unseren Besuchen vor Ort auch die typischen Berliner Entwicklungen: Sanierungen nehmen zu, Mieten steigen, und der Druck auf den Wohnungsmarkt ist auch hier im Südosten spürbar. Die Schnellerstraße ist somit ein Mikrokosmos, der die Transformation Berlins widerspiegelt – ein Ort, der seine industrielle Seele noch nicht verloren hat, aber selbstbewusst in eine neue Zukunft als Wissenschafts- und Wohnstandort blickt.

Quellen

  1. kauperts.de · Web
  2. wikipedia.org · Web
  3. Schnellerstraße im Berliner Straßenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins · Web
  4. Ernst Schneller – Biografie · Web
  5. Campus Oberschöneweide: Gebäude und Geschichte · Web
  6. Bezirksamt Treptow-Köpenick: Ortsteil Niederschöneweide · Web