Adlergestell
Das Adlergestell ist mit seinen fast 14 Kilometern die längste Strasse Berlins und eine Lebensader des Bezirks Treptow-Köpenick.

Das Adlergestell ist mit seinen fast 14 Kilometern die längste Strasse Berlins und eine Lebensader des Bezirks Treptow-Köpenick. Sie durchquert den Ortsteil Adlershof und verbindet die urbanen Gebiete nahe der Schnellerstraße mit den wald- und wasserreichen Erholungsgebieten in Schmöckwitz. Ihre Geschichte reicht zurück bis in die Zeit der preussischen Kurfürsten, als sie als Jagdschneise diente. Seitdem hat sie sich von einem kurfürstlichen Reitweg zu einer pulsierenden Verkehrsachse gewandelt, die heute den Wissenschafts- und Technologiestandort Adlershof mit dem Rest der Stadt und dem Flughafen BER verbindet. Ihre schiere Länge und die Vielfalt der Landschaften und Architekturen, die sie durchquert, machen sie zu einem einzigartigen Zeugnis der Berliner Stadtentwicklung. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise entlang dieser aussergewöhnlichen Verkehrsachse und beleuchten ihre Geschichte, ihre architektonischen Kontraste und ihre heutige Bedeutung für den Südosten der Hauptstadt.
Geschichte und Ursprung

Die Ursprünge des Adlergestells sind tief in der brandenburgisch-preussischen Geschichte verwurzelt und reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Der Name selbst ist ein Relikt aus der Jägersprache: Ein „Gestell“ bezeichnete eine gerade, breite Schneise, die zur Parforcejagd in die Wälder geschlagen wurde. Diese Gestellwege dienten den kurfürstlichen Jagdgesellschaften als schnelle Verbindungen zwischen den Jagdrevieren und den Residenzen. Das Adlergestell war Teil eines solchen Wegenetzes, das das Berliner Stadtschloss mit dem Jagdschloss in Königs Wusterhausen verband. Der Namenszusatz „Adler“ verweist vermutlich auf die hier betriebene Beizjagd mit Adlern oder auf Beobachtungsposten für diese majestätischen Vögel. Unsere Recherchen in historischen Karten zeigen, dass diese Route bereits vor Jahrhunderten als strategisch wichtige Verbindung existierte, lange bevor Berlin zu der Metropole wurde, die wir heute kennen.
Eine entscheidende Aufwertung erfuhr der Weg im Jahr 1725 unter dem preussischen „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. Er liess das Adlergestell zu einer befestigten Chaussee ausbauen, um Truppen und Material schneller bewegen zu können. Damit wandelte sich der einstige Jagdweg zu einer wichtigen Militär- und Poststrasse. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, mit dem Wachstum Berlins und der Industrialisierung, siedelten sich entlang des nördlichen Teils erste Industriebetriebe und Wohnsiedlungen an. Der Ortsteil Adlershof entstand und wuchs entlang dieser Lebensader. Die offizielle Benennung des Strassenzugs als „Adlergestell“ erfolgte laut dem Luisenstädtischen Bildungsverein abschnittsweise ab etwa 1842, was die zunehmende Urbanisierung und administrative Erfassung des Gebiets widerspiegelt. Die Strasse wurde so zum Rückgrat für die Entwicklung des gesamten Berliner Südostens.
Die Bedeutung des Adlergestells im Wandel
Im 20. Jahrhundert spiegelte das Adlergestell die dramatischen politischen und technologischen Umbrüche Deutschlands wider. In den 1920er und 30er Jahren wurde die Nähe zum Flugplatz Johannisthal, einem der ersten Motorflugplätze der Welt, zum entscheidenden Standortfaktor. Entlang der Strasse entstanden Forschungseinrichtungen der Luftfahrt, wie die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL). Diese Konzentration von Hochtechnologie setzte sich in der DDR-Zeit fort. Ab 1952 wurde Adlershof zum Sitz von sieben naturwissenschaftlichen Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR sowie des Fernsehens der DDR. Das Adlergestell war somit nicht nur eine Verkehrsachse, sondern auch die Hauptschlagader eines der wichtigsten Wissenschafts- und Medienzentren des Landes. Viele Gebäude aus dieser Zeit prägen bis heute das Strassenbild und erzählen von einer Ära, in der hier an Zukunftstechnologien geforscht wurde.
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 erlebte das Adlergestell seine bisher grösste Transformation. Auf dem riesigen Areal der ehemaligen Akademie der Wissenschaften entstand ab 1991 die „Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien“ (WISTA), heute bekannt als der Technologiepark Adlershof. Dieser ist einer der erfolgreichsten Hochtechnologiestandorte Deutschlands und eng mit der Humboldt-Universität zu Berlin verbunden. Das Adlergestell ist die zentrale Erschliessungsachse für diesen Campus, auf dem Tausende Menschen forschen, studieren und arbeiten. Gleichzeitig behielt die Strasse ihre überregionale Verkehrsbedeutung als Bundesstrasse 96a. Mit der Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg (BER) wurde sie zu einer der wichtigsten Zubringerrouten. So hat sich das Adlergestell von einem Jagdweg zu einer High-Tech-Meile und einer internationalen Verkehrsverbindung entwickelt, ohne seine historischen Wurzeln zu verlieren.
Architektur und Stadtbild
Eine Fahrt entlang des Adlergestells ist wie eine Zeitreise durch die Berliner Baugeschichte. Unsere Redaktion hat die Strecke mehrfach befahren, und der Wandel des Stadtbildes ist jedes Mal aufs Neue faszinierend. Im Norden, nahe dem Übergang von der Köpenicker Landstraße, beginnt die Strasse in einem dicht bebauten, urbanen Umfeld mit typischen Berliner Mietshäusern der Jahrhundertwende und Gewerbebauten. Im Herzen von Adlershof trifft diese Gründerzeitarchitektur dann auf die Zeugnisse der DDR-Moderne und die hypermodernen Glas- und Stahlfassaden des WISTA-Campus. Ein ikonisches Wahrzeichen ist hier der Trudelturm im Aerodynamischen Park, ein technisches Denkmal aus den 1930er Jahren, das von der langen Tradition der Luftfahrtforschung an diesem Ort zeugt.
Wenn wir vom S-Bahnhof Adlershof weiter südwärts fahren, lichtet sich die Bebauung merklich. Die Strasse wird von grosszügigen Grünflächen und Sportanlagen gesäumt. In Grünau wandelt sich der Charakter erneut: Hier dominieren prächtige Villen aus der Kaiserzeit und Einfamilienhäuser, die vom einstigen Status als beliebter Ausflugsort der Berliner zeugen. Die Nähe zur Dahme und zur historischen Regattastrecke Grünau ist hier überall spürbar. Der südlichste Abschnitt des Adlergestells führt schliesslich durch den Berliner Stadtforst. Hier verliert die Strasse fast vollständig ihren urbanen Charakter und wird zu einer Allee, die von hohen Bäumen gesäumt ist. Diese Vielfalt, von der dichten Stadt über den Wissenschaftscampus und die Villenkolonie bis hin zum tiefen Wald, macht das Adlergestell zu einer der architektonisch und stadtplanerisch abwechslungsreichsten Strassen Berlins.
Verkehr, Anbindung und Alltag
Das Adlergestell ist heute vor allem eines: eine der wichtigsten und meistbefahrenen Verkehrsachsen im Südosten Berlins. Als Teil der Bundesstrasse 96a bündelt sie den Pendlerverkehr aus den südlichen Bezirken und dem Umland in Richtung Innenstadt sowie den Zubringerverkehr zum Flughafen BER. Insbesondere zu den Stosszeiten ist das Verkehrsaufkommen enorm, was die Strasse zu einer ständigen Herausforderung für die Verkehrsplanung macht. Für den motorisierten Individualverkehr ist sie unverzichtbar, doch die hohe Belastung führt auch zu Lärm und Abgasen, was die Lebensqualität der Anwohner beeinträchtigt. Der Ausbau von Radwegen entlang der Strecke ist seit den 2010er Jahren ein wiederkehrendes Thema, um eine sicherere Alternative für Radfahrende zu schaffen, die diese lange Distanz zurücklegen wollen.
Trotz der Dominanz des Autoverkehrs ist das Adlergestell gut in das öffentliche Nahverkehrsnetz eingebunden. Parallel zur Strasse verläuft die S-Bahn-Linie, die mit den Bahnhöfen Adlershof und Grünau wichtige Knotenpunkte bietet. Von hier aus erreichen Pendler und Studierende schnell die Berliner Innenstadt. Zudem verkehren mehrere Strassenbahn- und Buslinien direkt auf dem Adlergestell und verbinden die Wohngebiete, den WISTA-Campus und die Erholungsgebiete miteinander. Diese Anbindung prägt den Alltag entlang der Strasse. Im Norden, in Adlershof, pulsiert das Leben rund um den Campus mit seinen Cafés, Geschäften und Kultureinrichtungen. Im Süden, in Grünau und Schmöckwitz, bestimmt ein ruhigerer Rhythmus den Alltag. Hier ist das Adlergestell weniger eine Durchgangsstrasse als vielmehr der Ausgangspunkt für Spaziergänge im Wald oder Ausflüge zum Wasser, was die einzigartige Doppelrolle dieser Strasse als Transitroute und Naherholungsportal unterstreicht.
Namensgebung
- Namensgeber
-
Kombination aus 'Adler' und 'Gestell' (Jagdweg)
Beschreibend - Benennung
- ca. 1700
- Hintergrund
- Der Name leitet sich aus der historischen Jägersprache ab. Ein 'Gestell' war eine im 16. und 17. Jahrhundert angelegte, gerade Schneise durch ein Waldgebiet, die der kurfürstlichen Jagd diente. Der Zusatz 'Adler' verweist wahrscheinlich auf die hier praktizierte Beizjagd mit Adlern oder auf einen Beobachtungspunkt für Greifvögel.
Zeitleiste
-
ca. 1600
Entstehung als kurfürstlicher Reit- und Jagdweg (Gestell) zwischen dem Berliner Stadtschloss und Königs Wusterhausen.
Quelle: Chronik von Adlershof -
1725
König Friedrich Wilhelm I. lässt den Weg zu einer befestigten Chaussee für militärische und postalische Zwecke ausbauen.
Quelle: Geschichte Berlins, Stadtmuseum Berlin -
1842
Der Name 'Adlergestell' wird erstmals offiziell in Karten für einen Abschnitt der Strasse verzeichnet.
Quelle: Kauperts Strassennamenlexikon -
1909
Die Eröffnung des nahegelegenen Flugplatzes Johannisthal führt zu einer rasanten Entwicklung von Industrie und Forschung in Adlershof.
Quelle: Wikipedia-Artikel zum Flugplatz Johannisthal -
1952
Die Akademie der Wissenschaften der DDR siedelt sich mit mehreren Instituten in Adlershof an; das Fernsehen der DDR beginnt seinen Sendebetrieb.
Quelle: Deutsches Historisches Museum -
1991
Die WISTA-Management GmbH wird gegründet, um auf dem ehemaligen Akademie-Gelände den Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof zu entwickeln.
Quelle: berlin.de -
2011
Im Zuge der Vorbereitungen für den neuen Flughafen BER wird das Adlergestell als Teil der B96a zur wichtigen Zubringerstrasse ausgebaut.
Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
