Doppeldecker Berlin: Die gelben Busse sind so ikonisch wie das Brandenburger Tor. Doch hinter den begehrtesten Sitzplätzen der Stadt – oben, erste Reihe, freier Blick durch die Frontscheibe – steckt eine über 150 Jahre alte Geschichte: von Pferdekutschen über zwei Weltkriege und eine geteilte Stadt bis zu einer spektakulären Geiselnahme. Und die Zukunft der gelben Doppeldecker in Berlin wird gerade neu entschieden.
📑 Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste in Kürze
- Erste zweistöckige Busse fuhren in Berlin schon Mitte des 19. Jahrhunderts, gezogen von Pferden.
- Frauen durften erst ab 1896 nach oben – Begründung war die «Schicklichkeit».
- Ab 1905 fuhren motorisierte Doppeldecker, ab 1925 die ersten mit geschlossenem Dach.
- In Ost-Berlin wurde 1974 der letzte Doppeldecker ausgemustert, im Westen blieb er Kult.
- Heute fahren rund 200 neue ADL-Doppeldecker – noch mit Diesel, ein E-Nachfolger ist in Entwicklung.
Doppeldecker Berlin: Die Anfänge einer Ikone

Die Geschichte der Berliner Doppeldecker beginnt luftig – und tierisch. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts rollten die ersten zweistöckigen Busse durch die Stadt, gezogen von Pferden und mit offenem Oberdeck. Heute findet man solche offenen Oberdecks höchstens noch bei Touristenbussen.
Die Aussicht von oben war anfangs jedoch Männersache. Frauen durften das Oberdeck nicht nutzen – offizieller Grund war die «Schicklichkeit», wahrscheinlicher die Sorge, Männer könnten ihnen beim Hinaufsteigen unter den Rock blicken. Erst ab 1896 durften Frauen ebenfalls nach oben. Ab 1905 fuhren die ersten Doppeldecker mit Motor statt Pferd, ab 1925 die ersten mit geschlossenem Dach. Mehr zur Geschichte der Hauptstadt liest du in unserem Bereich Gesellschaft.
West-Kult, Ost-Aus: die geteilte Stadt
Der Erste und vor allem der Zweite Weltkrieg dezimierten die Zahl der Doppeldecker drastisch. Die Fahrzeuge, die nach Kriegsende 1945 noch fuhren, waren hoffnungslos überfüllt. Nach der Teilung Berlins verschwanden die Doppeldecker in einer Stadthälfte sogar vollständig.
Während 1962 in West-Berlin erstmals mehr als 1.000 Busse unterwegs waren – darunter viele Doppeldecker –, musterte Ost-Berlin 1974 seinen letzten Doppeldecker aus. Der Osten setzte auf Gelenkbusse und die Strassenbahn. Im Westen wiederum fuhr 1967 die letzte Strassenbahn, was den Bedarf an Bussen erhöhte. Ein Kuriosum kam hinzu: Die BVG liess Busse parallel zu S-Bahn-Strecken fahren – etwa die Linie 66 nach Wannsee –, weil viele West-Berliner die von der DDR-Reichsbahn betriebene S-Bahn boykottierten. Erst 1984 übernahm die BVG die S-Bahn im Westen. Weitere Verkehrsthemen findest du im Verkehrs-Ressort.
Türen, Schaffner und das legendäre Rauchverbot
Nicht nur Routen und Stückzahl änderten sich, sondern die Busse selbst. Noch in den 1950er-Jahren konnten Wagemutige hinten aufspringen, weil es keine Türen gab – ganz wie in London. Ab 1963 war damit nach und nach Schluss. Auch Schaffner gehörten lange selbstverständlich dazu; 1965 ging der erste «Einmannwagen» in Betrieb, die Schaffner verschwanden allmählich.
Für den grössten Aufreger sorgte im April 1974 das Rauchverbot im Oberdeck. Bei einer Umfrage des RBB-Vorgängers «Sender Freies Berlin» reichten die Reaktionen von «empörend» und «unverschämt» bis zur Forderung nach einem Extra-Bus für Raucher. Ein älterer Herr meinte mit verschmitztem Grinsen, solange der Staat Steuern kassiere, nehme er an, dass überall geraucht werden dürfe. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar – ein Stück Alltagsgeschichte. Mehr Stadtgeschichten gibt es in unserem Kulturressort.
Nach dem Mauerfall: Rückkehr in den Osten
Nach dem Mauerfall 1989 leisteten die Doppeldecker einen handfesten Beitrag zum Zusammenwachsen der Stadt. Buslinien wurden spontan verlängert, Doppeldecker fuhren wieder durch Ost-Berlin – und sogar bis Potsdam, Falkensee oder Hennigsdorf. Manche Routen führten über einstige Grenzübergänge wie die Glienicker Brücke. Mehr über die Bezirke der Stadt erfährst du in unserer Bezirks-Übersicht.
Damit kehrte der Doppeldecker nach 15 Jahren in den Osten der Stadt zurück. Für viele Berlinerinnen und Berliner wurde der gelbe Bus so zu einem rollenden Symbol der Wiedervereinigung im Alltag. Wie sich die Bezirke seither entwickelt haben, zeigt unsere Bezirks-Analyse.
Die Geiselnahme im Doppeldecker 2003
Wer glaubt, nach 1989 seien Berlins Doppeldecker nur unspektakulär durch die Stadt gefahren, irrt. Am 11. April 2003 wurde ein Doppeldecker zum Schauplatz einer Geiselnahme. Zwei bewaffnete Männer überfielen eine Bank in der Schlossstrasse in Steglitz. Einer floh zu Fuss, der andere flüchtete in einen Doppeldecker der Linie 185.
Der bewaffnete Mann nahm im Bus Geiseln, ehe ein Spezialeinsatzkommando der Berliner Polizei das Fahrzeug stürmte und den Täter überwältigte. Der Fall ging als eine der spektakulärsten Szenen in die Geschichte der Berliner Doppeldecker ein. Aktuelle Polizei- und Sicherheitsthemen findest du im Kriminalitäts-Ressort.
Die Zukunft: Diesel, Elektro und die ADL-Flotte
In Hochzeiten fuhren bis zu 416 Doppeldecker durch Berlin. Heute sind es deutlich weniger: Rund 200 neue Fahrzeuge des britischen Herstellers Alexander Dennis (ADL) lösen die alten MAN-Busse ab und prägen das Stadtbild. Die BVG setzt sie dort ein, wo sie ihre Stärken ausspielen: auf stark frequentierten Linien mit langen Wegen, etwa M19 oder M29.
Bemerkenswert: Die neuen ADL-Doppeldecker fahren weiter mit Diesel (Euro 6), weil es bisher keine serientauglichen Elektro-Doppeldecker gibt, die den Anforderungen der BVG genügen. Sie sollen aber die letzten Diesel-Doppeldecker sein, die der Betrieb kauft. Einen Vorgeschmack gab es 2022: Auf der Traditionslinie 218 nach Wannsee fuhr ein nachträglich elektrifizierter Doppeldecker im Linienbetrieb. Der grosse Gelbe bleibt Berlin also erhalten – nur künftig wohl leiser und emissionsfrei. Was sonst in der Stadt fährt, liest du im Berlin-Überblick.
Der gelbe Doppeldecker ist mehr als ein Verkehrsmittel – er ist ein Stück Berliner Identität, das Krieg, Teilung und Wiedervereinigung überlebt hat. Dass die neuen ADL-Busse noch Diesel fahren, ist ein Kompromiss: Die Technik für serientaugliche E-Doppeldecker ist noch nicht so weit, gleichzeitig will niemand auf das Wahrzeichen verzichten. Spannend bleibt, ob Berlin es schafft, den ikonischen Doppeldecker und die Verkehrswende unter einen Hut zu bringen. Der elektrifizierte Versuch auf der Linie 218 zeigt: Es geht – nur noch nicht in der Breite.
Quellen
| Quelle | Inhalt |
|---|---|
| rbb24 | Historischer Überblick zur Geschichte der Berliner Doppeldecker |
| Tagesspiegel | Aktuelle Zahlen zur Doppeldecker-Flotte und ADL-Beschaffung |
| BVG | Angaben zu Einsatz, Flotte und Elektrifizierung |
Häufige Fragen zu Berlins Doppeldecker-Bussen
Seit wann gibt es Doppeldecker-Busse in Berlin?
Erste zweistöckige Busse fuhren bereits Mitte des 19. Jahrhunderts durch Berlin – damals noch von Pferden gezogen. Ab 1905 gab es motorisierte Doppeldecker, ab 1925 solche mit geschlossenem Dach.
Warum durften Frauen früher nicht ins Oberdeck?
Bis 1896 war das Oberdeck Frauen verwehrt. Offiziell wurde die «Schicklichkeit» angeführt, tatsächlich ging es wohl um die Sorge, Männer könnten beim Hinaufsteigen unter den Rock blicken.
Wann verschwanden die Doppeldecker in Ost-Berlin?
In Ost-Berlin wurde 1974 der letzte Doppeldecker ausgemustert. Der Osten setzte auf Gelenkbusse und die Strassenbahn. Nach dem Mauerfall 1989 kehrten die Doppeldecker in den Osten zurück.
Was war die Geiselnahme von 2003?
Am 11. April 2003 flüchtete ein bewaffneter Bankräuber nach einem Überfall in der Schlossstrasse in Steglitz in einen Doppeldecker der Linie 185 und nahm Geiseln. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei stürmte den Bus und überwältigte den Täter.
Fahren Berlins Doppeldecker bald elektrisch?
Die neuen ADL-Doppeldecker fahren noch mit Diesel, sollen aber die letzten Diesel-Modelle der BVG sein. Ein nachträglich elektrifizierter Doppeldecker fuhr 2022 testweise auf der Linie 218. Serientaugliche E-Doppeldecker sind in Entwicklung.
Unsere Einordnung
Kaum ein Alltagsgegenstand erzählt Berliner Geschichte so anschaulich wie der Doppeldecker: Schicklichkeit im Kaiserreich, Teilung im Kalten Krieg, Rauchverbot-Empörung der Siebziger, Wiedervereinigung auf Rädern. Wer das nächste Mal oben vorne sitzt, fährt also durch mehr als nur die Stadt – sondern durch 150 Jahre Geschichte.
– Ariane Nagel, Kultur- & Meinungsredakteurin, BerlinEcho
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ℹ️ Transparenz-Hinweis: Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Tools (Claude, Gemini) recherchiert und vorstrukturiert, anschliessend redaktionell überarbeitet und faktengeprüft durch die BerlinEcho-Redaktion.





