Wirtschaft 📅 12. Juni 2026 ⏱ 7 Min. 👁 8 Aufrufe

Artemis Berlin: 1,75 Millionen Corona-Hilfe vom Staat

Artemis Berlin: Das größte Bordell der Hauptstadt erhielt laut Transparenzregister 1,75 Millionen Euro Corona-Hilfen – die Frauen gingen wohl leer aus.

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Die Betreibergesellschaft des Artemis, des größten Bordells der Hauptstadt, hat während der Corona-Pandemie mindestens 1,75 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen erhalten. Das geht aus der EU-Beihilfentransparenzdatenbank hervor, die die «Bild» ausgewertet hat. Bewilligt wurden die Hilfen für das Artemis Berlin über die Investitionsbank Berlin (IBB) aus Bundesprogrammen. Die Arbeitnehmervereinigung der CDU kritisiert die Zahlungen scharf – die im Haus tätigen Frauen dürften von dem Geld nichts gesehen haben.

Kurz zusammengefasst
Das Artemis Berlin an der Halenseestraße in Charlottenburg erhielt zwischen August 2020 und Juni 2022 in fünf Tranchen mindestens 1,75 Millionen Euro Corona-Hilfen des Bundes, bewilligt durch die IBB. Rechtlich war die Betreiber-GmbH als legales Gewerbe antragsberechtigt; politisch sorgt die Zahlung für Kritik, weil Sexarbeiterinnen als Selbstständige leer ausgingen. Ob Rückzahlungen anstehen, lassen IBB und Betreiber offen.
📑 Inhaltsverzeichnis

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Artemis GmbH erhielt laut EU-Beihilfentransparenzdatenbank zwischen August 2020 und Juni 2022 mindestens 1,75 Millionen Euro aus Corona-Hilfsprogrammen des Bundes.
  • Bewilligungsstelle war die Investitionsbank Berlin (IBB); die Auswertung der Datenbank stammt von der «Bild».
  • Die Arbeitnehmervereinigung der CDU kritisiert: Während Bordelle Millionen erhielten, gerieten Prostituierte in finanzielle Not.
  • Die im Artemis tätigen Frauen arbeiten laut Betreiber-Website als selbstständige Unternehmerinnen – Zuschüsse an die GmbH kamen ihnen damit wohl nicht zugute.
  • Ob die Hilfen in voller Höhe behalten werden dürfen, ist offen: IBB und Geschäftsführung machen dazu keine Angaben.

Artemis Berlin: Diese Zahlungen weist das Register aus

Artemis Berlin – Artemis Berlin: Diese Zahlungen weist das Register aus
Artemis Berlin: Diese Zahlungen weist das Register aus

Die Zahlungen an die Betreibergesellschaft des Großbordells nahe der Messe Berlin verteilen sich laut Transparenzregister auf fünf Tranchen aus verschiedenen Bundesprogrammen:

Zeitpunkt Betrag Programm
August 2020 124.877 Euro Corona-Hilfsprogramm des Bundes
Dezember 2020 187.522 Euro Fixkostenhilfe
März 2021 626.643 Euro Corona-Hilfsprogramm des Bundes
Juni 2021 513.617 Euro Corona-Hilfsprogramm des Bundes
Juni 2022 300.170 Euro Corona-Hilfsprogramm des Bundes

IBB-Sprecher Jens Holtkamp bestätigte die Vorgänge auf Anfrage der «Bild»: Gemäß den öffentlich einsehbaren Informationen der EU-Beihilfentransparenzdatenbank habe die IBB als Bewilligungsstelle des Landes Berlin die Hilfen bewilligt und ausgezahlt. Zu einzelnen Antragstellern und zum Stand der Bearbeitung könne man grundsätzlich keine Auskunft geben.

Kritik: Betreiber erhielten Millionen, Frauen gingen leer aus

Die Arbeitnehmervereinigung der CDU (CDA) bringt den Konflikt auf den Punkt: «Während Millionenbeträge an Bordelle bezahlt wurden, gerieten Prostituierte in finanzielle Not.» Tatsächlich trafen die Corona-Schließungen Sexarbeiterinnen besonders hart – viele fielen mangels Anstellung durch die Raster der Hilfsprogramme.

Genau diese Konstruktion zeigt sich auch im Artemis: Laut Website des Hauses sind die dort tätigen Frauen «alle selbstständige Unternehmerinnen», die ihre Dienstleistungen auf eigene Rechnung anbieten. Die Zuschüsse an die Betreiber-GmbH dürften bei ihnen also nicht angekommen sein – sie hätten eigene Anträge als Soloselbstständige stellen müssen, deren Hürden in der Pandemie bekanntlich hoch lagen. Wofür die GmbH die Mittel verwendete, bleibt offen: «Nach Rücksprache mit unserem Anwalt möchten wir hierzu keine Auskünfte erteilen», erklärte Geschäftsführer Florian Gram auf «Bild»-Anfrage.

Rechtlich zulässig, politisch umstritten: Die Einordnung

Bei aller Empörung gehört zur Einordnung: Bordelle sind in Deutschland seit 2002 legale Gewerbebetriebe, und die Corona-Hilfen des Bundes standen grundsätzlich allen rechtmäßig tätigen Unternehmen offen, deren Umsätze pandemiebedingt einbrachen. Wenige Branchen waren dabei länger geschlossen als die Prostitutionsstätten – in Berlin über viele Monate. Rein rechtlich war die Artemis GmbH damit so antragsberechtigt wie ein Hotel oder ein Fitnessstudio; die Bewilligung durch die IBB folgte den Bundesvorgaben.

Die politische Frage ist eine andere: ob ein Hilfssystem angemessen ist, das Betreibergesellschaften absichert, während die Menschen, die in den Häusern arbeiten, als Soloselbstständige weitgehend leer ausgehen. Offen ist zudem die Rückzahlungsfrage – bei vielen Überbrückungshilfen laufen noch Schlussabrechnungen, nach denen Unternehmen zu viel erhaltene Beträge erstatten müssen. Ob das auch das Artemis betrifft, wollen weder IBB noch Betreiber sagen. Das Thema dürfte den Senat und die Debatten vor der Abgeordnetenhauswahl 2026 noch beschäftigen.

Razzia, Entschuldigung, Neubaupläne: Die Vorgeschichte

Das Verhältnis zwischen dem Land Berlin und dem Großbordell in Charlottenburg-Wilmersdorf ist seit Jahren belastet. Im April 2016 durchsuchten rund 950 Beamte von Polizei und Zoll das Haus an der Halenseestraße, die Staatsanwaltschaft sprach öffentlich von Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Die Vorwürfe fielen in sich zusammen: Ende 2018 ließ das Landgericht die Anklage nicht zu, und nach jahrelangem Rechtsstreit schloss das Land 2023 vor dem Kammergericht einen Vergleich – 250.000 Euro Entschädigung plus eine offizielle Entschuldigung für das rechtswidrige Vorgehen, wie der Tagesspiegel berichtete.

Auch baulich bleibt der Standort in Bewegung: Über Erweiterungs- und Neubaupläne am Areal nahe Westkreuz wird seit Längerem gestritten – die «Bild» berichtete zuletzt über Abriss-Pläne zugunsten eines Hochhaus-Projekts. Die jetzt bekannt gewordenen Hilfszahlungen fügen der langen Akte Artemis Berlin ein weiteres Kapitel hinzu – mehr aus dem Bezirk laufend in unserem Wirtschafts- und Politik-Ressort.

🗞 BerlinEcho-Einordnung

Die Zahlen aus dem Transparenzregister legen einen Konstruktionsfehler der Corona-Hilfen offen: Gefördert wurde die Betriebsstruktur, nicht die Menschen darin. 1,75 Millionen Euro für die Artemis GmbH waren nach den Bundesregeln korrekt – dieselben Regeln ließen Soloselbstständige, darunter viele Sexarbeiterinnen, mit Kleinbeträgen und hohen Hürden zurück. Für Berlin kommt die Pikanterie der Vorgeschichte hinzu: Erst zahlte das Land 250.000 Euro Entschädigung für eine rechtswidrige Razzia, parallel flossen Bundeshilfen über die landeseigene IBB. Die offene Frage der Schlussabrechnung sollte das Abgeordnetenhaus im Blick behalten.

Quellen

Quelle Inhalt Stand
Bild / EU-Beihilfentransparenzdatenbank Auswertung der fünf Hilfstranchen, Statements IBB und Geschäftsführung 06/2026
Tagesspiegel Vergleich 2023: 250.000 Euro Entschädigung, Entschuldigung des Landes 06/2023
Berliner Zeitung / BBC Razzia 2016, Zusammenbruch der Vorwürfe, Nichtzulassung der Anklage 2018 2016–2023

Häufige Fragen zum Artemis Berlin

Wie viel Corona-Hilfe erhielt das Artemis Berlin?

Laut EU-Beihilfentransparenzdatenbank mindestens 1,75 Millionen Euro in fünf Tranchen zwischen August 2020 und Juni 2022 – von 124.877 Euro bis zur größten Einzelzahlung von 626.643 Euro im März 2021.

Waren die Zahlungen rechtens?

Nach aktuellem Stand ja: Bordelle sind seit 2002 legale Gewerbebetriebe, die Bundesprogramme standen allen rechtmäßig tätigen Unternehmen mit pandemiebedingten Umsatzeinbrüchen offen. Die IBB bewilligte die Hilfen nach den Bundesvorgaben. Offen ist, ob nach den Schlussabrechnungen Rückzahlungen fällig werden.

Warum gibt es trotzdem Kritik?

Die Arbeitnehmervereinigung der CDU verweist darauf, dass Prostituierte während der Pandemie in finanzielle Not gerieten, während Betreibergesellschaften Millionen erhielten. Die im Artemis tätigen Frauen arbeiten als Selbstständige und profitierten von den Zuschüssen an die GmbH nicht.

Was sagen die Betreiber zu den Hilfen?

Geschäftsführer Florian Gram lehnte Auskünfte zu Verwendung und möglichen Rückzahlungen unter Verweis auf anwaltliche Beratung ab. Auch die IBB äußert sich nicht zu einzelnen Antragstellern.

Was war die Artemis-Razzia 2016?

Im April 2016 durchsuchten rund 950 Einsatzkräfte das Bordell wegen Verdachts auf Menschenhandel und Sozialbetrug. Die Vorwürfe hielten nicht stand: Die Anklage wurde 2018 nicht zugelassen, 2023 zahlte das Land Berlin 250.000 Euro Entschädigung und entschuldigte sich offiziell.

Unsere Einordnung

Die Schlagzeile schreit nach Skandal, der Befund ist nüchterner – und gerade deshalb relevant. Kein Regelverstoß, sondern Regeln, die genau so gewirkt haben, wie sie gebaut waren: Kapitalgesellschaft gut abgesichert, Soloselbstständige weitgehend allein gelassen. Wer sich über die 1,75 Millionen empört, sollte die Energie auf zwei konkrete Fragen richten: Was ergibt die Schlussabrechnung der Artemis GmbH? Und wie sichert das Hilfssystem beim nächsten Mal die Menschen statt nur die Strukturen? Beides verdient mehr Aufmerksamkeit als der Reflex, beim Wort Bordell die Stimme zu heben.

– Hannes Nagel, Wirtschafts- & Verkehrsredakteur, BerlinEcho

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ℹ️ Transparenz-Hinweis: Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Tools (Claude, Gemini) recherchiert und vorstrukturiert, anschließend redaktionell überarbeitet, mit Berliner Lokalkenntnis ergänzt und faktengeprüft durch die BerlinEcho-Redaktion.

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HN
✍ Über den Autor
Redakteur Wirtschaft & Verkehr

Ich bin Hannes, und ich schreibe bei BerlinEcho über Wirtschaft und Verkehr – zwei Themen, die in Berlin enger zusammenhängen, als man denkt. Wer in einer Stadt wohnt, in der die BVG täglich ausläuft und gleichzeitig das teuerste Pflaster für Büroflächen in Deutschland vermietet wird, merkt das. Beim Wirtschaftsthema interessieren mich weniger die Quartalszahlen grosser Konzerne als die Frage: Wer profitiert eigentlich von Berlins Wachstum, und wer nicht? Die Startup-Förderung, der Immobilienmarkt, die Haushaltspolitik des Senats – das sind Themen, die das Leben von echten Menschen verändern. Beim Verkehr ist mein Ansatz ähnlich: nicht die Pressemitteilung der BVG, sondern der Alltag der Fahrgäste. Ich fahre selbst täglich mit dem ÖPNV und weiss, was gemeint ist, wenn wieder mal "erhebliche Verspätungen" gemeldet werden. Für Hinweise und Recherche-Tips bin ich über Twitter und LinkedIn erreichbar.

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📍 Berlin ⭐ Redakteur BerlinEcho · Wirtschaftsredaktion · Experte Berliner Immobilien- und Verkehrspolitik · Recherche-Hintergrund ✍ 321 Artikel