Verkehrswende Berlin nach der Wahl: 95 Sitze gegen die A100
Inhalt (6 Abschnitte)
Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 haben Linke, Grüne und SPD, die den Weiterbau der A100 ablehnen, laut vorläufigem Ergebnis zusammen 95 von 158 Sitzen gewonnen. CDU und AfD, die den 17. Bauabschnitt wollen, kommen auf 63. Ob die Verkehrswende in Berlin wieder Tempo aufnimmt, entscheiden die Sondierungen, zu denen die Linke eingeladen hat.
Update vom 2. Oktober 2026: Ergänzt ist das erste Vorgespräch von Linke, Grünen und SPD am 1. Oktober; formelle Sondierungen könnten frühestens ab der Woche ab dem 5. Oktober beginnen. Korrektur: In der früheren Fassung hieß es, die SPD nehme bei der A100 eine Vermittlerrolle ein. Laut Wahlprogramm lehnt die SPD den Weiterbau ab. Die FDP ist nicht mehr im Parlament vertreten und fehlt deshalb im Vergleich.
Die Verkehrswende in Berlin hat nach der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026 wieder eine rechnerische Mehrheit. Nach dem vorläufigen Ergebnis des Landeswahlleiters wurde Die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft, vor CDU (18,8), AfD (16,3), Grünen (14,3) und SPD (12,1). Linke, Grüne und SPD lehnen den 17. Bauabschnitt der A100 ab, wollen mehr Tempo 30 und Bus und Bahn Vorrang geben. CDU und AfD setzen auf Tempo 50 auf Hauptstraßen, auf Parkplätze und den Autobahnbau. Welche Linie sich durchsetzt, entscheidet die Koalitionsfrage. Und die ist offen.
Für dich heißt das: Radwege, Tempolimits, Ticketpreise und die Zukunft der Stadtautobahn stehen neu zur Verhandlung.
Was haben die Parteien zur Verkehrswende versprochen?
Die fünf Parteien im neuen Abgeordnetenhaus haben ihre Verkehrspolitik in ihren Wahlprogrammen festgelegt. BerlinEcho hat die Programme selbst ausgewertet; die Reihenfolge folgt dem Wahlergebnis.
Die Linke: A100 stoppen, Tempo 30 als Regel
Die Linke will laut Wahlprogramm, dass die A100 „qualifiziert am Treptower Park beendet und nicht weiter ausgebaut wird“. Den 17. Bauabschnitt will sie aus dem Flächennutzungsplan streichen, beim Bund die Streichung aus dem Fernstraßenausbaugesetz verlangen und die Planfeststellung vom Bund zurück ans Land holen. Tempo 30 soll innerorts Regelgeschwindigkeit werden. Das Sozialticket Berlin S soll wieder 9 Euro kosten, die Straßenbahn in den Westen der Stadt wachsen. Langfristig strebt die Partei einen fahrscheinlosen Nahverkehr an, finanziert unter anderem über Parkgebühren und eine ÖPNV-Abgabe für Touristen.
CDU: Tempo 50 und Weiterbau der A100
Die CDU überschreibt ihr Verkehrskapitel im Regierungsprogramm 2026–2031 mit „Auto verbieten verboten“. Tempo 50 soll auf Hauptstraßen der Regelfall sein, Ausnahmen etwa vor Kitas, Schulen und Krankenhäusern. Den Weiterbau der A100 und die Tangentialverbindung Ost (TVO) will die Partei „entschlossen vorantreiben“ und die Planung des Bundes für den 17. Bauabschnitt unterstützen. Gelder für Poller und Kiezblocks will sie streichen, Parkplätze im öffentlichen Raum erhalten. Beim Nahverkehr nennt die CDU die Verlängerungen der U2, U3, U6, U7, U8 und U9; Straßenbahnen soll es dort geben, wo sie bestehende Netze sinnvoll ergänzen.
AfD: 17. Bauabschnitt bauen, Parkplätze zurück
Die AfD fordert in ihrem Programm die Realisierung des 17. Bauabschnitts der A100 „zur Entlastung der Elsenbrücke“ und zum Lückenschluss des inneren Autobahnrings. Statt Kiezblocks soll der Verkehrsfluss auf Hauptstraßen verbessert werden, beseitigte Parkplätze sollen wiederhergestellt und die Parkraumbewirtschaftung „auf das notwendige Maß“ zurückgeführt werden. Für den Nahverkehr verlangt die Partei eine Personaloffensive bei BVG und S-Bahn, einen zügigen Schienenausbau, Seilbahnen und Zugangsbeschränkungen für Menschen ohne Fahrschein. Das Mobilitätsgesetz will sie umbauen.
Grüne: Tempo-30-Netz und Zehn-Minuten-Takt
Die Grünen lehnen laut Landeswahlprogramm den Weiterbau der A100 ab; der 17. Bauabschnitt würde Kieze in Lichtenberg, Pankow und Friedrichshain mit Stau und Lärm belasten. Den 16. Bauabschnitt, der am 27. August 2025 zwischen Neukölln und Treptower Park freigegeben wurde, wollen sie bis zu einem Verkehrskonzept für die Anschlussstellen schließen. Auch die vierspurige TVO in ihrer jetzigen Form lehnen die Grünen ab. Versprochen sind ein flächendeckendes Tempo-30-Netz, den Zehn-Minuten-Takt als Basisangebot und mehr Straßenbahn.
SPD: Keine A100, aber die TVO als Straße
Die SPD schreibt im Wahlprogramm: „Statt die A100 weiterzubauen, setzen wir auf den Erhalt unserer Straßen und Brücken.“ Am Treptower Park soll die Autobahn dauerhaft enden. Die TVO will die SPD dagegen als Straße bauen. Tempo 50 auf bisherigen Tempo-30-Strecken lehnt sie ab. Versprochen sind ein flächendeckender 10-Minuten-Takt, die Verlängerung der U3 zum Mexikoplatz, der U7 zum BER und zur Heerstraße Nord sowie der U8 ins Märkische Viertel, dazu die Tram-Strecken Turmstraße–Spandau, Warschauer Straße–Hermannplatz und Alexanderplatz–Kulturforum.
| Partei | Ergebnis / Sitze | A100, 17. Bauabschnitt | Tempo | Nahverkehr |
|---|---|---|---|---|
| Die Linke | 25,7 % / 47 | ablehnen, A100 am Treptower Park beenden | Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit | Sozialticket 9 Euro, Tram in den Westen, langfristig fahrscheinloser ÖPNV |
| CDU | 18,8 % / 34 | Planung des Bundes unterstützen | Tempo 50 auf Hauptstraßen als Regelfall | U-Bahn-Verlängerungen U2, U3, U6, U7, U8, U9; Tram nur als Netzergänzung |
| AfD | 16,3 % / 29 | bauen | keine Aussage im Programm | Personaloffensive BVG und S-Bahn, Seilbahnen, Zugangssperren ohne Fahrschein |
| Grüne | 14,3 % / 26 | ablehnen | flächendeckendes Tempo-30-Netz | Zehn-Minuten-Takt als Basisangebot, Tram-Ausbau |
| SPD | 12,1 % / 22 | ablehnen, Autobahn am Treptower Park dauerhaft enden lassen | Tempo 30 vor Kitas, Schulen, Spielplätzen; kein Zurück zu Tempo 50 | 10-Minuten-Takt, U3, U7, U8, drei Tram-Strecken, Deutschlandticket 49 Euro |
Was bedeutet das Wahlergebnis für die Verkehrswende?
Das Wahlergebnis gibt den Gegnern der A100-Verlängerung eine klare Mehrheit im Abgeordnetenhaus. Linke, Grüne und SPD kommen nach vorläufiger Sitzverteilung auf 95 von 158 Mandaten, nötig sind 80. CDU und AfD haben zusammen 63 Sitze. Eine Mehrheit für den 17. Bauabschnitt gibt es im Landesparlament damit nicht mehr.
Zwei Bündnisse wären rechnerisch möglich. Ein Senat aus Linke, Grünen und SPD (95 Sitze) wäre sich bei der A100, beim Vorrang für Bus und Bahn und beim Ausbau der Straßenbahn weitgehend einig. Reibung gäbe es trotzdem: Die Linke will Tempo 30 als Regel, die SPD nur an sensiblen Orten. Die SPD will die TVO bauen, die Grünen lehnen die aktuelle Planung ab. Ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD (82 Sitze) müsste den Kurs der CDU bei A100, Tempo 50 und Kiezblocks mit zwei Partnern verhandeln, die das Gegenteil versprochen haben.
BerlinEcho-Einordnung: Was ein neuer Senat bei der A100 kann
- Die A100 ist eine Bundesautobahn. Laut Bundestag (hib, 2. März 2026) sieht die Bundesregierung den 17. Bauabschnitt als laufendes, fest eingeplantes Projekt; zuständig ist die Autobahn GmbH des Bundes. Ein Senat kann bremsen, aber nicht allein streichen.
- Die Linke setzt deshalb auf Landeshebel: Flächennutzungsplan ändern und die Planfeststellung zurück ans Land holen. Ob das trägt, wäre ein Prüfauftrag für jeden Koalitionsvertrag.
- Die Grünen berufen sich auf die Ziele der Initiative „Berlin autofrei“. Deren Volksbegehren ist laut Landeswahlleitung am 22. Mai 2026 gescheitert: 69.108 gültige Unterschriften, nötig waren 173.961.
- In Friedrichshain-Kreuzberg, durch das der 17. Bauabschnitt führen würde, gewann die Linke alle fünf Wahlkreise.
Wie geht es nach der Wahl weiter?
Die Gespräche über die nächste Landesregierung haben begonnen, formelle Sondierungen noch nicht; die Verkehrswende gehört zu den Streitfeldern. Ein Parteitag der Linken beschloss laut ZDFheute am 25. September 2026, Grüne und SPD zu Gesprächen einzuladen. Die Grünen sagten zu, der SPD-Landesvorstand stimmte am 26. September einstimmig zu. Die taz nannte am 27. September neben der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne und der inneren Sicherheit auch Verkehrswende und Mobilität als Streitfelder, dazu eine Haushaltslücke von rund 5 Milliarden Euro pro Jahr bis 2029.
Die CDU wirbt parallel für ein Bündnis mit Grünen und SPD. Am 28. September kündigte Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp laut Tagesspiegel an, die Einladungen gingen noch am selben Abend hinaus. Am 1. Oktober 2026 trafen sich Linke, Grüne und SPD zu einem ersten, rund fünfstündigen Vorgespräch, bei dem es nach dpa-Angaben zunächst um Antisemitismus, Rassismus und organisierte Kriminalität ging. Formelle Sondierungen könnten frühestens ab der Woche ab dem 5. Oktober beginnen. Was die Parteien mit der BVG vorhaben, liest du in unserem Überblick Nahverkehr und Berlin-Wahl; die Hintergründe zur Trasse stehen im Artikel zum 17. Bauabschnitt der A100. Welche Bündnisse möglich sind, zeigt unser Text zur Koalition in Berlin, die neuesten Schritte stehen im Liveticker zur Berlin-Wahl.
Häufige Fragen zur Verkehrswende nach der Berlin-Wahl
Wird die A100 nach der Wahl nicht weitergebaut?
Das ist offen. Linke, Grüne und SPD lehnen den 17. Bauabschnitt vom Treptower Park durch Friedrichshain nach Lichtenberg in ihren Programmen ab, CDU und AfD wollen ihn. Die Planung liegt aber beim Bund: Die Bundesregierung nannte das Projekt im März 2026 ein laufendes und fest eingeplantes Vorhaben der Autobahn GmbH des Bundes. Ein neuer Senat könnte den Bau politisch bremsen und etwa den Flächennutzungsplan ändern, wie es die Linke vorschlägt. Streichen müsste ihn der Bundestag im Fernstraßenausbaugesetz.
Kommt jetzt Tempo 30 auf allen Berliner Straßen?
Nicht automatisch. Die Linke will Tempo 30 als innerörtliche Regelgeschwindigkeit und setzt dafür auf eine Änderung im Bund. Die Grünen wollen ein flächendeckendes Tempo-30-Netz. Die SPD lehnt es ab, Tempo-30-Strecken wieder auf Tempo 50 zu setzen, will Tempo 30 aber vor allem vor Kitas, Schulen, Spielplätzen und Seniorenheimen. Die CDU will Tempo 50 als Regelfall auf Hauptstraßen. Was gilt, hängt vom Koalitionsvertrag und von der Straßenverkehrsordnung des Bundes ab.
Wird das Sozialticket in Berlin wieder billiger?
Die Linke hat versprochen, den Preis des Sozialtickets Berlin S wieder auf 9 Euro zu senken und ein Deutschland-Sozialticket für Berlin einzuführen. Die Grünen wollen bezahlbare Angebote für Menschen, die heute das Sozialticket zahlen, die SPD fordert vom Bund einen Deutschlandticket-Preis von 49 Euro. Beschlossen ist davon nichts: Tarife müssen im Verkehrsverbund und im Landeshaushalt abgesichert werden, und über den Haushalt verhandeln die Parteien erst in einer Koalition.
Quellen
- Landeswahlleiter für Berlin, vorläufiges Ergebnis vom 21. September 2026 (abgerufen am 29.09.2026)
- Die Linke Berlin: Wahlprogramm Abgeordnetenhauswahl 2026 (abgerufen am 29.09.2026)
- CDU Berlin: Regierungsprogramm 2026–2031 (abgerufen am 29.09.2026)
- AfD Berlin: Programm für die Wahlen am 20. September 2026 (abgerufen am 29.09.2026)
- Bündnis 90/Die Grünen Berlin: Landeswahlprogramm 2026 (abgerufen am 29.09.2026)
- SPD Berlin: Wahlprogramm 2026 (Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung) (abgerufen am 29.09.2026)
- Deutscher Bundestag, hib: Planungen zum 17. Bauabschnitt der A100 (2. März 2026) (abgerufen am 29.09.2026)
- VIZ Berlin: Freigabe des 16. Bauabschnitts der A100 am 27. August 2025 (abgerufen am 29.09.2026)
- Landeswahlleitung: Volksbegehren „Berlin autofrei“ nicht zustande gekommen (22. Mai 2026) (abgerufen am 29.09.2026)
- ZDFheute: Linke lädt Grüne und SPD zu Sondierungen ein (25. September 2026) (abgerufen am 29.09.2026)
- ZDFheute: SPD stimmt Sondierungsangebot der Linken zu (abgerufen am 29.09.2026)
- taz: Start der Sondierungsgespräche in Berlin (27. September 2026) (abgerufen am 29.09.2026)
- Tagesspiegel: Liveblog zur Regierungsbildung (abgerufen am 29.09.2026)
- Tagesspiegel/dpa: Linke, Grüne und SPD sprechen über heikle Themen (01.10.2026) (abgerufen am 02.10.2026)
Hannes Nagel
Redakteur Wirtschaft & Verkehr
Ich bin Hannes, und ich schreibe bei BerlinEcho über Wirtschaft und Verkehr – zwei Themen, die in Berlin enger zusammenhängen, als man denkt. Wer in einer Stadt wohnt, in der die BVG täglich ausläuft und gleichzeitig das teuerste …
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