Motzstraße
Die Motzstraße in Berlin-Schöneberg ist das Herzstück des Regenbogenkiezes, bekannt für ihre LGBT-Szene und das CSD-Motzstraßenfest. Benannt nach Friedrich Motz.

Die Motzstraße in Schöneberg ist weit mehr als nur eine innerstädtische Verbindung zwischen dem Nollendorfplatz und dem Bayerischen Platz. Sie ist das pulsierende Herz des Berliner Regenbogenkiezes, ein Ort von historischer Bedeutung und ein Symbol für die Freiheit und Vielfalt, die unsere Stadt ausmachen. Ihre Geschichte reicht von den prunkvollen Bauten der Gründerzeit über die schillernden und zugleich düsteren Jahre der Weimarer Republik bis hin zu ihrer heutigen Rolle als Zentrum der queeren Kultur in Deutschland und Europa. Als Redaktion des BerlinEcho haben wir diese Strasse unzählige Male durchquert und ihre Facetten beobachtet. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise durch die Geschichte, Architektur und das pulsierende Leben dieser einzigartigen Berliner Strasse, die so viel über den Wandel Berlins erzählt.
Geschichte und Ursprung

Die Entstehung der Motzstraße ist untrennbar mit der rasanten Expansion Berlins in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden. Ihre Planung geht auf den berühmten „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ von 1862 zurück, besser bekannt als Hobrecht-Plan. In der Abteilung IV dieses Plans war sie als „Straße Nr. 30“ verzeichnet, eine von vielen neuen Verkehrsadern, die das damals noch ländliche Gebiet um Schöneberg erschließen sollten. Am 20. November 1870 erhielt sie per Kabinettsorder ihren heutigen Namen zu Ehren des preußischen Staats- und Finanzministers Friedrich von Motz (1775–1830), einer Schlüsselfigur bei der Gründung des Deutschen Zollvereins. Diese Benennung spiegelt den Geist der Gründerzeit wider, in der verdiente Staatsmänner und Militärs im Stadtbild verewigt wurden.
Die Bebauung entlang der neu angelegten Strasse erfolgte zügig in den 1870er und 1880er Jahren. Es entstanden die für diese Epoche typischen fünfgeschossigen Mietshäuser mit reich verzierten Stuckfassaden, die bis heute das Bild des nördlichen Teils der Strasse prägen. Die Motzstraße wurde schnell zu einer begehrten Wohnadresse für das aufstrebende Bürgertum. Sie war Teil eines neuen, repräsentativen Stadtviertels, das oft als „Neuer Westen“ oder „Bayerisches Viertel“ bezeichnet wurde und in direkter Konkurrenz zur alten Mitte rund um die Friedrichstraße stand. Die Nähe zum damals neu entstehenden Kurfürstendamm und die gute Anbindung durch die Untergrundbahn am Nollendorfplatz trugen zur Attraktivität der Gegend bei.
In den Archiven unserer Stadt finden sich Belege für das vielfältige Leben, das sich hier schon früh entwickelte. Neben den großzügigen Wohnungen etablierten sich im Erdgeschoss Läden, Kanzleien und Arztpraxen. Die Motzstraße war von Anfang an nicht nur eine reine Wohnstrasse, sondern auch ein Ort des Handels und des gesellschaftlichen Lebens, eine Grundlage für die dynamische Entwicklung, die sie in den folgenden Jahrzehnten nehmen sollte.
Die Bedeutung der Motzstraße im Wandel der Zeit
Keine andere Strasse in Berlin verkörpert den Wandel von gesellschaftlichen Normen und den Kampf um Akzeptanz so eindrücklich wie die Motzstraße. Ihre Blütezeit als Zentrum des liberalen und hedonistischen Berlins begann in den „Goldenen Zwanzigern“. Der Nollendorfkiez wurde zum Anziehungspunkt für Künstler, Intellektuelle und Freigeister aus aller Welt. Das berühmteste Beispiel ist das Tanzlokal „Eldorado“, das sich an der Ecke zur Kalckreuthstraße befand und als Treffpunkt für die homosexuelle und transsexuelle Szene international bekannt wurde. Hier verkehrten Berühmtheiten wie Marlene Dietrich, und die Atmosphäre wurde von Schriftstellern wie Christopher Isherwood in seinen „Berlin Stories“ verewigt, die später zur Vorlage für das Musical „Cabaret“ wurden. Isherwood selbst wohnte unweit in der Nollendorfstraße 17, und seine Beschreibungen prägen bis heute das Bild des Kiezes dieser Ära.
Diese Ära der Freiheit fand mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ein jähes Ende. Das „Eldorado“ wurde geschlossen und in ein SA-Lokal umgewandelt. Die offene queere Kultur wurde brutal unterdrückt, Razzien und Verfolgungen waren an der Tagesordnung. Die Motzstraße wurde zum Schauplatz der Zerstörung jener Vielfalt, die sie einst ausgezeichnet hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es Jahrzehnte, bis der Kiez seine alte Bedeutung zurückerlangen konnte. Der Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, blieb in der Bundesrepublik lange bestehen und verhinderte eine offene Entfaltung.
Der entscheidende Wendepunkt kam in den 1970er Jahren. Die Gründung des Café „Anderes Ufer“ (heute „Neues Ufer“) im Jahr 1977 in der Hauptstraße, nur wenige Gehminuten entfernt, gilt als Meilenstein. Es war das erste offen schwule Café Europas und ein Fanal für die Wiederbelebung des Kiezes. In den folgenden Jahren siedelten sich immer mehr Bars, Buchläden und Vereine in und um die Motzstraße an. Seit 1993 ist die Strasse Schauplatz des Lesbisch-schwulen Stadtfestes, das jedes Jahr im Sommer Hunderttausende Besucher anzieht und als größtes seiner Art in Europa gilt. Wie das offizielle Portal der Stadt Berlin hervorhebt, ist die Motzstraße heute das unbestrittene Zentrum des „Regenbogenkiezes“ und ein lebendiges Denkmal für den langen Weg der Emanzipationsbewegung.
Architektur und Stadtbild
Das architektonische Gesicht der Motzstraße ist zweigeteilt und erzählt eindrücklich von der Geschichte Berlins. Der nördliche Abschnitt, der vom Nollendorfplatz bis zum Viktoria-Luise-Platz reicht, wird von prachtvollen Altbauten aus der Gründerzeit dominiert. Hier haben wir bei unseren Recherchen die typischen Merkmale dieser Epoche wiedergefunden: hohe Decken, detailreiche Stuckfassaden mit Erkern, Balkonen und Giebeln sowie repräsentative Eingangsbereiche. Viele dieser Gebäude wurden in den letzten Jahrzehnten aufwendig saniert und erstrahlen wieder in ihrem ursprünglichen Glanz. Sie zeugen vom Wohlstand und dem Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums im späten 19. Jahrhundert. Ein Spaziergang hier gleicht einer Reise in die Vergangenheit.
Der südliche Teil der Strasse in Richtung Bayerischer Platz zeigt ein anderes Bild. Dieser Bereich wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, was zu erheblichen Lücken in der historischen Bausubstanz führte. Diese Lücken wurden in der Nachkriegszeit mit funktionalen Wohnbauten der 1950er und 1960er Jahre geschlossen. Die Architektur ist hier schlichter, die Fassaden sind schmuckloser und die Bauweise ist weniger opulent. Dieser Kontrast zwischen Gründerzeitpracht und Nachkriegsmoderne ist für viele Berliner Strassen charakteristisch und macht den besonderen Reiz der Motzstraße aus. Er ist ein steinernes Zeugnis der Brüche in der Stadtgeschichte.
Ein prägendes Element des Stadtbildes ist auch der U-Bahnhof Nollendorfplatz am nördlichen Ende der Strasse. Seine markante Kuppelkonstruktion, die nach der Zerstörung im Krieg wiederaufgebaut und seit 1989 in den Regenbogenfarben beleuchtet wird, ist zu einem weithin sichtbaren Symbol für den Kiez und seine offene Atmosphäre geworden. Beim genauen Hinsehen entdeckt man im Pflaster der Gehwege zudem zahlreiche „Stolpersteine“. Diese kleinen Gedenktafeln erinnern an die jüdischen und homosexuellen Bewohner, die während der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden. Sie sind stille, aber eindringliche Mahnmale, die die Architektur um eine wichtige historische Dimension ergänzen.
Verkehr, Anbindung und Alltag
Die Motzstraße ist verkehrstechnisch hervorragend an das Berliner Stadtnetz angebunden, was maßgeblich zu ihrer Lebendigkeit beiträgt. Am nördlichen Ende befindet sich mit dem Nollendorfplatz einer der wichtigsten Knotenpunkte des öffentlichen Nahverkehrs. Hier kreuzen sich gleich vier U-Bahn-Linien (U1, U2, U3, U4), die eine schnelle Verbindung in die City West, nach Kreuzberg, Prenzlauer Berg und in den Südwesten der Stadt ermöglichen. Ergänzt wird das Angebot durch mehrere Buslinien, darunter der Metrobus M19. Etwa auf halber Strecke liegt zudem der U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz (U4), der den mittleren Teil der Strasse erschließt. Diese exzellente Anbindung macht die Motzstraße sowohl für Anwohner als auch für Besucher leicht erreichbar.
Trotz ihrer zentralen Lage ist die Motzstraße keine reine Durchgangsstrasse wie etwa die nahegelegene Potsdamer Straße oder die Leipziger Straße. Sie hat eher den Charakter einer belebten Kiezstrasse, auf der sich motorisierter Verkehr, Radfahrer und Fußgänger den Raum teilen. Vor allem im nördlichen Teil, dem Zentrum des Regenbogenkiezes, dominiert das Leben auf den Gehwegen. Die zahlreichen Cafés, Bars und Geschäfte laden zum Flanieren und Verweilen ein, was das Verkehrstempo auf natürliche Weise drosselt. Der südliche Abschnitt ist deutlich ruhiger und stärker vom Wohnen geprägt.
Für uns als Berliner Redaktion gehört zum Alltag in der Motzstraße untrennbar der nahegelegene Winterfeldtplatz. Der Wochenmarkt, der dort mittwochs und samstags stattfindet, ist einer der größten und bekanntesten der Stadt und ein zentraler Treffpunkt für die gesamte Nachbarschaft. Viele Anwohner der Motzstraße erledigen hier ihre Einkäufe und genießen die besondere Atmosphäre. Diese Nähe zu einem der wichtigsten sozialen Zentren Schönebergs prägt das Alltagsleben in der Strasse und trägt zur hohen Lebensqualität bei. Die Motzstraße ist somit nicht nur ein Ort des Feierns und der Kultur, sondern auch eine funktionale und lebenswerte Wohngegend im Herzen der Stadt.
Namensgebung
- Namensgeber
-
Friedrich Christian Adolf von Motz
(1775–1830)
Person - Benennung
- 1870-11-20
- Hintergrund
- Preußischer Staatsmann und Finanzminister. Er war maßgeblich an der Neuordnung der preußischen Finanzen nach den Napoleonischen Kriegen beteiligt und gilt als einer der Wegbereiter des Deutschen Zollvereins, der 1834 in Kraft trat.
Zeitleiste
-
1862
Der Hobrecht-Plan legt den zukünftigen Verlauf der Strasse als „Straße Nr. 30, Abt. IV“ fest.
Quelle: Kauperts Straßenführer durch Berlin -
1870
Die Strasse wird offiziell nach dem preußischen Finanzminister Friedrich von Motz benannt.
Quelle: Berliner Adressbuch -
1928
Das Tanzlokal „Eldorado“ an der Ecke zur Kalckreuthstraße befindet sich auf dem Höhepunkt seiner internationalen Bekanntheit.
Quelle: Diverse historische Publikationen zur Weimarer Republik -
1933
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten werden queere Lokale wie das „Eldorado“ geschlossen und die Szene zerschlagen.
Quelle: Dokumentationszentrum Schwules Museum -
1977
Die Eröffnung des Cafés „Anderes Ufer“ in der Nähe markiert den Beginn der Wiederbelebung des Kiezes als queeres Zentrum.
Quelle: Geschichte des Regenbogenkiezes -
1993
Das erste Lesbisch-schwule Stadtfest findet in der Motzstraße statt und etabliert sich als jährliches Großereignis.
Quelle: Archiv des Lesbisch-schwulen Stadtfestes -
2013
Die U-Bahn-Kuppel am Nollendorfplatz erhält eine Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.
Quelle: berlin.de
