Einem bekannten Späti in der Hermannstraße Neukölln droht die Schließung, was die Debatte um Verdrängung und den Schutz der Berliner Kiezkultur neu entfacht. Der Fall des Spätis in der Hausnummer 164 steht beispielhaft für die Herausforderungen durch steigende Mieten, Neubauprojekte und rechtliche Hürden, denen sich viele der rund 1000 verbliebenen Spätis in der Hauptstadt stellen müssen.
Das Wichtigste in Kürze
- Drohende Schließung: Der Späti von Hüseyin I. in der Hermannstraße 164 in Neukölln soll nach über 20 Jahren zum 30. April 2026 schließen, da sein Mietvertrag nicht verlängert wird.
- Rückläufige Zahlen: In Berlin gibt es laut Schätzungen des Vereins Berliner Späti nur noch etwa 1000 Spätverkaufsstellen, Tendenz sinkend.
- Neubaupläne: An der Ecke Hermannstraße/Kienitzer Straße ist ein Neubau mit Einzelhandel und rund 35 Wohneinheiten geplant, was den Druck auf bestehende Gewerbe erhöht.
- Rechtliche Hürden: Das Ladenöffnungsgesetz von 2019 verbietet den meisten Spätis den Betrieb an Sonntagen, was eine wesentliche Einnahmequelle einschränkt.
- Solidarität im Kiez: Anwohner kämpfen für den Erhalt des Spätis und haben über eine Instagram-Kampagne bereits über 700 Unterstützer mobilisiert.
Warum ist ein Späti in der Hermannstraße so wichtig für den Kiez?
Die sogenannten Spätis haben ihren Ursprung in den 1950er-Jahren in der DDR, wo sie als „Spätverkaufsstellen“ für Schichtarbeiter dienten. Heute sind sie aus dem Berliner Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Sie bieten nicht nur zu späten Stunden Getränke und Snacks an, sondern fungieren als soziale Ankerpunkte, an denen sich alteingesessene und neue Anwohner treffen und austauschen. Die Hermannstraße in Neukölln ist dabei eine zentrale Achse des Bezirks, die die Vielfalt und die Herausforderungen der Stadtentwicklung widerspiegelt.
Der Späti von Hüseyin I. in der Hermannstraße 164, den er seit über zwei Jahrzehnten betreibt, ist zu einem Symbol für diesen Wandel geworden. Die drohende Schließung seines Geschäfts ist daher kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für die Verdrängung kleiner Gewerbebetriebe durch Gentrifizierung und steigende Mieten in den Berliner Kiezen.
Welche Bauprojekte bedrohen Spätis in Neukölln?
Während sich der Konflikt um den Späti in der Hermannstraße 164 auf einen nicht verlängerten Mietvertrag konzentriert, treiben ambitionierte Neubaupläne den Wandel in der unmittelbaren Umgebung voran. An der Ecke Hermannstraße/Kienitzer Straße plant eine Eigentümerin bereits seit 2018 den Abriss eines bestehenden Gebäudes. An seiner Stelle soll ein Neubau entstehen, der im Erdgeschoss einen Einzelhandelsmarkt mit PKW-Stellplätzen, im ersten Obergeschoss einen Lebensmittelmarkt und in den beiden oberen Etagen etwa 35 Wohnungen umfassen soll.
Laut facettenneukoelln.wordpress.com bestätigte Bezirksstadtrat Jochen Biedermann, dass der Bezirk seit Jahren mit der Eigentümerin über die Neubebauung spricht. Solche Projekte sind im Kontext der Berliner Wohnungsknappheit zwar von Bedeutung, bergen jedoch das Risiko, etablierte Kiezstrukturen zu verdrängen. Es muss ein Gleichgewicht zwischen der Schaffung von Wohnraum und dem Erhalt der Vielfalt, die Neukölln ausmacht, gefunden werden.
Es ist jedoch wichtig zu differenzieren: Eine oft diskutierte Schließung des Spätkaufs 178 („Techno-Späti“) an der Hermannstraße 178 im Jahr 2026 konnte nicht verifiziert werden. Laut aktuellen Quellen ist dieser Späti weiterhin geöffnet. Dies verdeutlicht die Komplexität der Lage, in der manche Geschäfte direkt von Kündigungen betroffen sind, während andere dem indirekten Druck der Stadtentwicklung ausgesetzt sind.

Warum müssen immer mehr Spätis in Berlin schließen?
Die drohende Schließung des Spätis in der Hermannstraße 164 ist kein Einzelfall. Die Zahl der Spätverkaufsstellen in Berlin ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Alper Baba, Vorsitzender des Vereins Berliner Späti, schätzt die aktuelle Zahl auf noch etwa 1000, da offizielle Statistiken diese Geschäftsform nicht gesondert erfassen. Sein Verein setzt sich für den Erhalt dieser für die Kiezkultur wichtigen Läden ein.
Ein wesentlicher Grund für die Schwierigkeiten ist das 2019 verschärfte Ladenöffnungsgesetz, das den Betrieb der meisten Geschäfte an Sonntagen untersagt. Obwohl viele Berliner und Touristen die Sonntagsöffnung schätzen, müssen sich die Betreiber an die Regelung halten. Hinzu kommen bürokratische Hürden wie die Erlaubnispflicht für das Aufstellen von Bänken und Stühlen, die den sozialen Treffpunkt-Charakter der Spätis einschränken. Diese Auflagen, kombiniert mit dem wirtschaftlichen Druck der Gentrifizierung, bedrohen die Existenz vieler Betriebe.
| Herausforderung | Auswirkung auf Spätis | Betroffene Bereiche |
|---|---|---|
| Auslaufende Mietverträge | Verdrängung durch höhere Mieten oder neue Nutzungskonzepte. | Neukölln, Kreuzberg, Prenzlauer Berg |
| Ladenöffnungsgesetz 2019 | Verbot der Sonntagsöffnung für die meisten Spätis. | Gesamt Berlin (Ausnahmen für Bahnhöfe/Touristen) |
| Erlaubnispflicht für Außenbestuhlung | Einschränkung der sozialen Funktion als Treffpunkt. | Alle Bezirke mit Außengastronomie-Regeln |
| Steigende Betriebskosten | Sinkende Margen, erschwertes Überleben kleiner Betriebe. | Gesamt Berlin |
Wie reagieren Anwohner auf die drohende Schließung?
Für viele Anwohner ist die Schließung des Spätis nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust, sondern ein tiefer Einschnitt in das soziale Gefüge des Kiezes. Der Betreiber Hüseyin I. zeigt sich fassungslos: „Wenn ich einen Fehler gemacht hätte, würde ich es akzeptieren, aber mit null Fehlern einfach so rausschmeißen – nicht mit mir!“ Er betont, seine Miete stets pünktlich gezahlt zu haben, selbst während der Corona-Pandemie, und alle Auflagen, wie das Einholen der Bänke um 22 Uhr, erfüllt zu haben. Trotz seines Angebots, sich an Modernisierungskosten zu beteiligen und eine höhere Miete zu zahlen, bestand der Eigentümer auf der Auflösung des Mietvertrags. Die Schlüsselübergabe ist für den 30. April 2026 angesetzt.
Nachbarn wie Ralf P. und seine Frau Melanie P., die seit 15 Jahren im Nebenhaus leben, kämpfen für den Späti. „Wenn man uns den Späti wegnimmt, dann reißt man uns ein Stück Herz raus“, sagte Ralf P. gegenüber nd-aktuell.de. Sie haben eine E-Mail an den Eigentümer verfasst, um die Schließung abzuwenden. Das Engagement zeigt, wie tief Spätis in der Nachbarschaft verwurzelt sind. Ein Instagram-Profil, das unter dem Motto „Finger weg von unserem Späti“ für den Erhalt wirbt, hat bereits über 700 Follower.
Was wird unternommen, um Spätis zu retten?
In der Vergangenheit gab es in Berlin immer wieder Proteste gegen die Verdrängung von Spätverkaufsgeschäften. Ein bekanntes Beispiel ist die Kampagne „Raumer6 bleibt“, die sich für den Erhalt eines Spätis in der Raumerstraße 6 in Prenzlauer Berg einsetzte. Trotz Demonstrationen, einer Petition und breiter Medienöffentlichkeit konnte die Schließung am 20. August 2020 nicht verhindert werden. Ein Jahr später erinnerten Aktivisten mit einem Straßenfest an das verlorene Stück Kiezkultur.

Auf politischer Ebene engagiert sich der Verein Berliner Späti unter dem Vorsitz von Alper Baba für den Erhalt der Läden. Der Verein fordert bessere Rechtsgrundlagen und eine stärkere Vernetzung der Betriebe, um den Herausforderungen durch Gentrifizierung und gesetzliche Auflagen gemeinsam begegnen zu können. Die Solidarität der Nachbarschaft und das Engagement von Initiativen zeigen, dass der Kampf um den Späti in der Hermannstraße Neukölln und andere Kiez-Institutionen ein wichtiger Teil der Berliner Stadtgesellschaft ist.
Die Entwicklung an der Hermannstraße spiegelt wider, was auch in anderen Teilen Neuköllns passiert. Themen wie die Neugestaltung des Herrfurthplatzes oder die Diskussion um autofreie Kieze im Schillerkiez zeigen, wie stark sich das urbane Gefüge wandelt. Diese Veränderungen betreffen nicht nur den Verkehr, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Wenn Sie mehr über die Veränderungen in Neukölln erfahren möchten, lesen Sie unseren Artikel über den Herrfurthplatz Umbau Neukölln.

🏘️ Mehr über Neuköllns Wandel erfahren
Bleiben Sie auf dem Laufenden über die neuesten Entwicklungen in Neukölln, von Stadtplanung bis Kiezkultur.
→ Alle Neukölln-News lesen
Häufige Fragen zu Späti Hermannstraße Neukölln
Warum dürfen Spätis sonntags nicht öffnen?
Die meisten Spätis müssen sonntags geschlossen bleiben, da sie unter das Berliner Ladenöffnungsgesetz fallen, das den Einzelhandel an Sonn- und Feiertagen reglementiert. Ausnahmen gelten nur für Geschäfte in Bahnhöfen oder solche mit speziellem touristischen Angebot. Diese Regelung wird oft kritisiert, da die Sonntagsöffnung ein fester Bestandteil der Berliner Späti-Kultur war.
Wie viele Spätis gibt es in Berlin?
Eine genaue offizielle Zahl existiert nicht, da Spätis statistisch nicht gesondert erfasst werden. Der Verein Berliner Späti schätzt die Anzahl auf derzeit noch rund 1000 Geschäfte in der gesamten Stadt. Diese Zahl ist in den letzten Jahren aufgrund von Gentrifizierung, steigenden Mieten und rechtlichen Hürden kontinuierlich gesunken.
Welche Neubaupläne gibt es an der Hermannstraße in Neukölln?
An der Ecke Hermannstraße und Kienitzer Straße ist der Abriss eines bestehenden Gebäudes geplant, um einen Neubau zu errichten. Dieser soll Einzelhandels- und Lebensmittelflächen im Erd- und ersten Obergeschoss sowie circa 35 Wohneinheiten in den oberen Stockwerken umfassen. Solche Projekte zur Nachverdichtung verändern das Stadtbild und erhöhen den Druck auf kleine Gewerbebetriebe.
Welche Rolle spielt Gentrifizierung für Späti-Schließungen?
Gentrifizierung ist ein zentraler Faktor für das Späti-Sterben. Durch die Aufwertung von Stadtteilen steigen die Gewerbemieten stark an. Oft werden auslaufende Mietverträge nicht verlängert oder nur zu Konditionen, die für Kleinbetreiber nicht mehr tragbar sind. Investoren bevorzugen in attraktiven Lagen wie der Hermannstraße in Neukölln oft renditestärkere Nutzungen, was zur Verdrängung von Kiez-Institutionen führt.
Was können Anwohner tun, um ihren Späti zu schützen?
Anwohner können sich durch öffentliche Proteste, Petitionen und die Mobilisierung über soziale Medien für den Erhalt ihres Spätis einsetzen. Die direkte Kontaktaufnahme mit Eigentümern und Politik kann ebenfalls Druck erzeugen. Vereine wie der Berliner Späti e.V. bieten zudem eine Plattform zur Vernetzung und Unterstützung, um gemeinsam für den Schutz der Kiezkultur zu kämpfen.
Fazit
Die drohende Schließung des Späti in der Hermannstraße Neukölln mit der Hausnummer 164 ist ein prägnantes Beispiel für den tiefgreifenden Wandel in den Berliner Kiezen. Der Fall von Hüseyin I. zeigt, wie Stadtentwicklung und Gentrifizierung alteingesessene Geschäfte und damit wichtige soziale Treffpunkte verdrängen. Sein Kampf ist nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern ein Symptom für ein größeres Problem, das die Identität vieler Berliner Stadtteile bedroht.
Die Solidarität der Anwohner und das Engagement von Vereinen unterstreichen den hohen Stellenwert dieser Geschäfte für die Gemeinschaft. Während Neubauprojekte für die wachsende Stadt notwendig sind, muss die Politik Wege finden, eine Balance zwischen Fortschritt und dem Erhalt der einzigartigen Kiezkultur zu schaffen. Die Herausforderung besteht darin, Lösungen zu entwickeln, die sowohl Wohnraum schaffen als auch lokale Strukturen schützen. Berlin Echo wird berichten, sobald neue gesicherte Informationen vorliegen.




