Politik 📅 25. Mai 2026 ⏱ 9 Min. 👁 10 Aufrufe

NSDAP-Mitgliederkartei: Künast und Lauterbach finden Treffer

NSDAP-Mitgliederkartei online: Renate Künast findet ihren Vater, Karl Lauterbach seinen Großonkel als Parteimitglied. Bodo Ramelow lobt neue Transparenz.

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NSDAP-Mitgliederkartei online: Der SPIEGEL hat Millionen Karteikarten der Nazi-Partei mit Hilfe Künstlicher Intelligenz digital aufbereitet. Renate Künast (Grüne) fand auf Anhieb einen Treffer – ihr Vater Willy Künast trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Karl Lauterbach (SPD) entdeckte seinen Großonkel, Bodo Ramelow (Linke) begrüßt die neue Transparenz. Die Datenbank basiert auf rund 12,7 Millionen Karten des US-Nationalarchivs NARA, die im März 2026 öffentlich gemacht wurden. Sie zwingt drei Wochen vor dem 81. Jahrestag der Kapitulation viele deutsche Familien – auch im politischen Berlin – zur unangenehmen Selbstprüfung.

Kurz zusammengefasst
Die NSDAP-Mitgliederkartei ist jetzt über SPIEGEL- und ZEIT-Datenbanken durchsuchbar. Renate Künast, Karl Lauterbach und Bodo Ramelow erzählen erstmals von Familien-Recherchen. Künasts Vater trat 1. Mai 1933 ein, Lauterbachs Großonkel war seit 1932 überzeugter Nationalsozialist. Das Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde verwahrt die Originale.

Das Wichtigste in Kürze

  • SPIEGEL-Datenbank seit Mai 2026 online, ZEIT-Pendant seit April
  • Grundlage: ca. 12,7 Millionen NSDAP-Karteikarten aus dem US-Nationalarchiv NARA
  • Künasts Vater Willy Künast: Eintritt 1. Mai 1933 – Wochen nach Machtübernahme
  • Lauterbachs Großonkel: Eintritt Mai 1932, „überzeugter Nationalsozialist“, nach 1945 Polizei-Karriere Wuppertal
  • Bodo Ramelow (Bundestagsvizepräsident): hält Transparenz für „wichtig“
  • Kartei nicht vollständig: rund 20 Prozent der ursprünglichen Karten verloren

NSDAP-Mitgliederkartei: Was die SPIEGEL-Recherche zeigt

NSDAP-Mitgliederkartei – NSDAP-Mitgliederkartei: Was die SPIEGEL-Recherche zeigt
NSDAP-Mitgliederkartei: Was die SPIEGEL-Recherche zeigt

Im März 2026 stellte das US-Nationalarchiv NARA die digitalisierten Mikrofilme der NSDAP-Mitgliederkartei öffentlich ins Netz. Die Karteien gehen auf das Berlin Document Center zurück, das nach 1945 die beschlagnahmten Parteiunterlagen verwahrte und nach Restitution heute im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde liegt. Das Original-Archiv im US-Nationalarchiv war zwar öffentlich – aber nur über 5.000 Mikrofilmrollen mit alphabetischer Sortierung manuell durchsuchbar. Eine echte Stichwortsuche war nicht möglich.

SPIEGEL und ZEIT haben die digitalisierten Bilder durch Künstliche Intelligenz auslesen lassen. Wie die taz dokumentiert, sind beide Datenbanken kostenpflichtig hinter Bezahlschranken zugänglich. CORRECTIV wollte mit dem KATAPULT-Magazin eine kostenlose Suche bauen, das Projekt wurde aber gestoppt. Direkt im Bundesarchiv kostet eine Anfrage Zeit: Schriftlicher Antrag, mehrere Wochen Wartezeit. Die offizielle Auskunft des Bundesarchivs bleibt damit der amtliche Weg.

Renate Künast: Vater trat 1. Mai 1933 in die NSDAP ein

Renate Künast, ehemalige Bundesverbraucherschutzministerin und langjährige Grünen-Politikerin, suchte gezielt nach ihrem Vater. „Schon lange beschäftigte mich die Frage, ob einer meiner Vorfahren Mitglied der NSDAP war“, sagte sie dem SPIEGEL. Sie gab den Namen Willy Künast ein, dazu Geburtsjahr 1914. „Sofort erhielt ich einen Treffer.“ Ihr Vater trat am 1. Mai 1933 ein – wenige Wochen nach der NSDAP-Machtübernahme vom 30. Januar 1933.

Der 1. Mai 1933 ist kein zufälliger Termin. An diesem Datum wurde nach jahrelanger Kontroverse zum ersten Mal der Tag der Arbeit als gesetzlicher Feiertag begangen – die NSDAP hatte den Vorschlag der Sozialdemokratie übernommen und politisch instrumentalisiert. Tags darauf, am 2. Mai 1933, zerschlugen SA und SS die freien Gewerkschaften. Wer am 1. Mai 1933 in die NSDAP eintrat, machte das in einer Phase massiver Eintrittswelle: Allein 1933 stieg die Mitgliederzahl der Partei nach Statista-Daten zur NSDAP-Mitgliederentwicklung sprunghaft an.

Karl Lauterbach: Großonkel war überzeugter Nationalsozialist

Karl Lauterbach, ehemaliger Bundesgesundheitsminister (SPD) und heute Bundestagsabgeordneter, ging die Suche systematisch an. „Ich habe die Daten meiner Großeltern überprüft und war erleichtert, dass die Überlieferungen stimmen: Keiner meiner Großeltern war Mitglied der NSDAP“, sagte er dem SPIEGEL. Doch dann fand er den Bruder seiner Großmutter, also seinen Großonkel. Der trat bereits im Mai 1932 in die Partei ein – also vor der Machtübernahme.

Lauterbach beschreibt diesen Großonkel als „überzeugten Nationalsozialisten“. Nach dem Krieg wurde der Mann entnazifiziert und machte in Wuppertal Karriere bei der Polizei – ein Werdegang, der nach 1945 für viele NSDAP-Mitglieder typisch war. Der Historiker Malte Herwig dokumentierte in seinem Buch „Die Flakhelfer“ (2013), dass auch in den höchsten Ämtern der jungen Bundesrepublik viele ehemalige NSDAP-Mitglieder saßen – von Hans-Dietrich Genscher bis Günter Grass. Dass ein Großonkel mit so klarer Biografie auftaucht, ist also kein Sonderfall, sondern – aus heutiger Sicht – ein typisches Familienschicksal.

Bodo Ramelow: „Transparenz ist wichtig“

Bodo Ramelow, seit März 2025 Vizepräsident des Deutschen Bundestags und ehemaliger Thüringer Ministerpräsident (Linke), reagierte zurückhaltend, aber prinzipiell zustimmend: „Ich halte die nun entstehende Transparenz bezüglich der NSDAP-Mitgliedsakten für wichtig.“ Ramelow steht als Westdeutscher (geboren 1956 in Osterholz-Scharmbeck) für eine Generation, die den Holocaust nicht persönlich erlebt hat – aber stark mit der Aufarbeitung verbunden ist. Konkrete Treffer aus seiner Familie nannte er nicht.

Berlin als politischer Standort spielt in dieser Aufarbeitung eine Doppelrolle: Der Bundestag, in dem Ramelow und Lauterbach arbeiten, liegt nur drei Kilometer vom Holocaust-Mahnmal und der Topographie des Terrors entfernt. Das Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde verwahrt die Originale der Kartei. Die Stadt ist Schauplatz der Planung des Holocausts gewesen – die deutsche Erinnerungskultur ist hier topographisch dicht.

Was die Kartei nicht zeigt: Grenzen der NSDAP-Mitgliederkartei

Die NSDAP-Mitgliederkartei ist kein vollständiger Spiegel der NS-Gesellschaft. Erstens fehlen rund 20 Prozent der ursprünglich rund 14 Millionen Karten – wer in der Datenbank nicht auftaucht, ist nicht zwingend nichtmitglied gewesen. Zweitens war die Partei selbst nicht durchgehend offen: Von 1933 bis 1937 nahm sie wegen des Ansturms gar keine Neumitglieder mehr auf, bis 1939 nur eingeschränkt. Wer in den Jahren 1933-1937 nicht eintreten konnte, gehörte deshalb nicht automatisch zum Widerstand.

Drittens war die Mitgliedschaft selbst kein eindeutiger Hinweis auf NS-Verbrechen. Viele Mitglieder waren Mitläufer, die ihren Beamten- oder Lehrerposten retten wollten. Auf der anderen Seite: Wer in der Wehrmacht, im Reichsarbeitsdienst oder in der Verwaltung schwere Schuld auf sich geladen hat, war oft nicht NSDAP-Mitglied. Mitgliedschaft = Schuld ist die falsche Gleichung. Weitere aktuelle politische Meldungen findest du in unserem Berliner Newsticker. Die Kartei ist ein Werkzeug, keine Wahrheit. Wer ein Familienmitglied findet, sollte mit historischer Distanz weiter recherchieren – mit Entnazifizierungsakten, Personalakten, Wehrmachtsunterlagen.

Wie Berliner selbst recherchieren können

Berliner und Berlinerinnen, die zur NS-Geschichte Berlins forschen, haben drei Wege, in der NSDAP-Mitgliederkartei zu suchen: Erstens die kostenpflichtigen Datenbanken von SPIEGEL und ZEIT (Abonnement nötig). Zweitens kostenlos direkt im US-Nationalarchiv NARA – aber zeitaufwendig, weil manuelle Suche in alphabetisch sortierten Mikrofilmrollen. Drittens schriftliche Anfrage beim Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, das die Originale verwahrt.

Für das Bundesarchiv gilt: Anfrage online stellen, mehrere Wochen Wartezeit einrechnen. Hilfreich sind Vorname, Nachname, Geburtsdatum und Geburtsort der gesuchten Person. Das Bundesarchiv prüft dann sowohl die Zentralkartei als auch die Gaukartei. Auch ohne digitalen Treffer kann das Archiv ergänzende Personenakten finden – etwa Entnazifizierungsakten oder NSDAP-Personalakten. Wer einen Vorfahren findet, kann zusätzlich beim Recherche-Leitfaden Welt der Vorfahren die nächsten Schritte ableiten.

🗞 BerlinEcho-Einordnung

Wann? Mai 2026 – die SPIEGEL-Datenbank ist seit wenigen Wochen online. Was? Drei prominente Politiker erzählen erstmals öffentlich von Familien-Recherchen in der NSDAP-Mitgliederkartei. Was bedeutet das? 81 Jahre nach Kriegsende ist die deutsche Erinnerungskultur durch zwei Faktoren neu unter Druck: Erstens sterben die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Zweitens machen KI-Tools historisches Material zugänglich, das vorher in Mikrofilm-Tiefen begraben war. Berlin ist von beiden Bewegungen direkter betroffen als andere Städte: Gedenkstätten kämpfen um Besucherzahlen, das Bundesarchiv bekommt mehr Anfragen, und im Bundestag arbeiten Politikerinnen und Politiker, deren Familien gerade in der Kartei auftauchen. Das ist keine ferne Vergangenheit. Das ist eine Generation hinter der eigenen.

Quellen und weitere Informationen

Quelle Inhalt
DER SPIEGEL Originalrecherche, Statements von Künast, Lauterbach, Ramelow
taz Einordnung der SPIEGEL- und ZEIT-Datenbanken
Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde Auskunft zur digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei
US-Nationalarchiv NARA Originaldigitalisate der NSDAP-Karteien
Welt der Vorfahren Recherche-Leitfaden zu NARA und Bundesarchiv

Häufige Fragen zur NSDAP-Mitgliederkartei

Was ist die NSDAP-Mitgliederkartei?

Die NSDAP-Mitgliederkartei umfasst rund 14 Millionen Karteikarten der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Sie verzeichnet Eintrittsdatum, Mitgliedsnummer, Geburtsdatum, Wohnort und Beruf der NSDAP-Mitglieder zwischen 1925 und 1945. Rund 20 Prozent der ursprünglichen Karten sind verloren. Die Originale liegen heute im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde.

Wie kann ich in der NSDAP-Mitgliederkartei suchen?

Drei Wege: Erstens die kostenpflichtigen KI-Datenbanken von SPIEGEL und ZEIT (Abonnement nötig). Zweitens kostenlos direkt im US-Nationalarchiv NARA, aber zeitaufwendige Mikrofilm-Recherche. Drittens schriftliche Anfrage beim Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, das die Originale verwahrt. Wartezeit beim Bundesarchiv: mehrere Wochen.

Was hat Renate Künast in der NSDAP-Mitgliederkartei gefunden?

Renate Künast suchte nach ihrem Vater Willy Künast, geboren 1914. Der Treffer kam laut ihrer SPIEGEL-Aussage sofort: Ihr Vater trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein – wenige Wochen nach der Machtübernahme. Künast bezeichnete den Treffer als „kein Schock, aber trifft mich und beschäftigt mich“.

Welcher Verwandte Karl Lauterbachs war NSDAP-Mitglied?

Keiner der Großeltern Lauterbachs war NSDAP-Mitglied. Allerdings fand er seinen Großonkel – den Bruder seiner Großmutter – in der Kartei. Der trat bereits im Mai 1932 (vor der Machtübernahme) ein, war laut Lauterbach „überzeugter Nationalsozialist“ und machte nach 1945 in Wuppertal Karriere bei der Polizei.

Ist NSDAP-Mitgliedschaft gleichbedeutend mit Tatschuld?

Nein. Viele NSDAP-Mitglieder waren Mitläufer, die ihren Beamten- oder Lehrerposten retten wollten. Umgekehrt waren auch Nicht-Mitglieder an NS-Verbrechen beteiligt – etwa in der Wehrmacht. Die Mitgliederkartei ist ein wichtiges Werkzeug der Vergangenheitsaufarbeitung, aber sie ersetzt keine biografische Recherche mit Entnazifizierungsakten, Personalakten und Zeitzeugenberichten.

Wo liegen die Originalakten der NSDAP-Mitgliederkartei?

Die Originale der NSDAP-Mitgliederkartei liegen heute im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. Nach 1945 hatte das US-amerikanische Berlin Document Center die Karten verwahrt und 1994 an die Bundesrepublik übergeben. Das Bundesarchiv hat die rund 12,7 Millionen Karten zwischen 2014 und 2018 vollständig digitalisiert.

Unsere Einordnung

Es ist 81 Jahre her, dass die NSDAP-Mitgliederkartei in einer Papierfabrik nahe München vor der Vernichtung gerettet wurde. Heute findet sich in ihr fast jede deutsche Familie – statistisch hatten am Kriegsende rund 10 Prozent der Erwachsenen ein Parteibuch. Was die KI-Tools von SPIEGEL und ZEIT jetzt ermöglichen, ist nicht eine neue Wahrheit – die Akten gab es immer. Es ist Niederschwelligkeit. Wer früher Wochen wartete, klickt jetzt auf einen Button. Genau diese Niederschwelligkeit macht aus Geschichte eine Familienangelegenheit. Renate Künast, Karl Lauterbach, Bodo Ramelow gehen damit öffentlich um – das ist mutig. Es entlastet auch andere Familien, denselben Schritt zu wagen, ohne sich für ihre eigenen Vorfahren schämen zu müssen. Sippenhaftung gibt es nicht. Aber Verantwortung für die eigene Geschichte gibt es schon.

– Ariane Nagel, Kulturredakteurin, BerlinEcho

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ℹ️ Transparenz-Hinweis: Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-Tools (Claude, Gemini) recherchiert und vorstrukturiert, anschließend redaktionell überarbeitet, mit Berliner Lokalkenntnis ergänzt und faktengeprüft durch die BerlinEcho-Redaktion. Aussagen der zitierten Politikerinnen und Politiker entstammen dem SPIEGEL-Originalbericht.

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✍ Über den Autor
Redakteurin Kultur & Meinung

Ich bin Ariane, und ich schreibe das, was andere vielleicht nicht schreiben wollen: klare Meinungen. Bei BerlinEcho verantworte ich Kultur und Meinung – und ja, das passt gut zusammen, denn Kultur ohne Haltung ist Dekoration. Berlin ist kulturell einzigartig – das Theaterleben, die Literaturszene, die Kunsträume in Hinterhöfen. Ich besuche Premieren und Ausstellungseröffnungen, schreibe Kritiken, die tatsächlich etwas sagen, und zeige auch, wenn etwas nicht funktioniert. In meiner Kolumne geht es um Dinge, die mir auffallen – gesellschaftliche Widersprüche, Berliner Eigenheiten, manchmal auch einfach Dinge, die mich beschäftigen. Ob das beim Lesen Zustimmung oder Widerspruch auslöst: beides ist mir recht, solange es eine echte Reaktion ist. Für Pressematerialien, Einladungen und Diskussionen bin ich über Twitter oder Instagram erreichbar.

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