Blackout in Berlin: Was ein Stromausfall wirklich bedeutet

Inhalt (6 Abschnitte)
Es war der 23. Juli 2006, als in weiten Teilen Berlins und Brandenburgs für mehrere Stunden der Strom ausfiel. Aufzüge standen still, Ampeln fielen aus, Supermärkte mussten schließen. Damals dauerte der Ausfall in den meisten Bereichen unter sechs Stunden. Das war unangenehm, aber beherrschbar. Was aber wäre, wenn es nicht sechs Stunden wären, sondern drei Tage?
Genau diese Frage beschäftigt Katastrophenschützer, Netzplaner und Stadtverwaltungen seit Jahren. Berlin ist eine Drei-Millionen-Stadt mit einer Infrastruktur, die tief von elektrischer Energie abhängt, und gleichzeitig eine Stadt, in der kaum jemand ernsthaft über persönliche Krisenvorsorge nachdenkt. Das ist kein Berliner Sonderphänomen, aber die Dichte und die besonderen Strukturen der Hauptstadt verschärfen das Problem.
Warum Berlin besonders anfällig ist
Das Berliner Stromnetz ist ein Inselnetz. Die Stadt liegt geografisch mitten in Brandenburg, und obwohl Leitungen ins überregionale Verbundnetz führen, ist die lokale Verteilstruktur komplex und historisch gewachsen. Betrieben wird das Netz überwiegend von Stromnetz Berlin, einer Tochter des Vattenfall-Nachfolgers Edis und teilweise der Netz Berlin GmbH. Allein die innerstädtische Kabelinfrastruktur umfasst rund 35.000 Kilometer Leitungen.
Hinzu kommt: Berlin hat kaum Eigenversorgungskapazität. Die großen Kraftwerke der Stadt, etwa das Heizkraftwerk Mitte an der Reinhardtstraße, decken nur einen Teil des Bedarfs. Ein erheblicher Teil des Stroms kommt von außen. Fällt das Verbundnetz aus, zum Beispiel durch einen Cyberangriff auf Umspannwerke oder durch Extremwetter, bricht die Versorgung großflächig zusammen.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat in einer Studie aus dem Jahr 2011 ein Szenario durchgespielt, das erschreckend konkret ist. Ein Ausfall über 14 Tage würde demnach in einer deutschen Großstadt zu massiven Versorgungsproblemen bei Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung führen. Die Wasserpumpen in den Hochhäusern fallen aus. Heizungen, auch wenn sie mit Gas betrieben werden, brauchen Strom für die Steuerung. Ampeln, Mobilfunk, Geldautomaten, Supermärkte, alles steht still.
Was in den ersten Stunden passiert
In Berlin gibt es rund 380.000 Hochhauswohnungen in Gebäuden mit mehr als fünf Etagen. Viele davon haben keine Notstromversorgung für Aufzüge. Wer im 14. Stock wohnt und nicht gut zu Fuß ist, sitzt fest. Gleichzeitig brechen Kommunikationsstrukturen zusammen, weil Mobilfunkmasten nach spätestens vier bis acht Stunden ihre Pufferbatterien erschöpft haben, sofern kein Notstromaggregat vorhanden ist.
Supermärkte verlieren ihre Kühlketten. Die Berliner Tafel, die täglich rund 30.000 Menschen versorgt, wäre nach wenigen Stunden handlungsunfähig. Krankenhäuser schalten auf Notbetrieb, aber nur für kritische Systeme. Operationssäle laufen weiter, Verwaltungssysteme, Heizungen in Patientenzimmern und Fahrstühle nicht zwingend.
Was Berliner jetzt tun können
Der erste Impuls vieler Menschen ist, sich auf staatliche Hilfe zu verlassen. Das ist verständlich, aber unrealistisch. Fachleute gehen davon aus, dass Behörden im Fall eines großflächigen Blackouts in den ersten 72 Stunden keine flächendeckende Versorgung sicherstellen können. Die Polizei hat rund 26.000 Beamte für eine Stadt mit 3,7 Millionen Einwohnern, das Technische Hilfswerk in Berlin verfügt über einige hundert aktive Helfer.
Das bedeutet: Wer für sich und seine Familie drei bis fünf Tage überbrücken kann, entlastet das System massiv und schützt sich selbst. Das BBK empfiehlt für jeden Haushalt einen Vorrat an Lebensmitteln und Wasser für mindestens zehn Tage, konkret zwei Liter Wasser pro Person und Tag, also für einen Zweipersonenhaushalt mindestens 40 Liter abgefülltes Wasser.
Neben Wasser und Nahrung gehören Folgendes zur Grundausstattung:
- Batteriebetriebenes oder Kurbelradio für Notfalldurchsagen
- Taschenlampen und ausreichend Ersatzbatterien
- Erste-Hilfe-Set mit persönlichen Medikamenten für mindestens zwei Wochen
- Bargeld in kleinen Scheinen, weil Kartenzahlung und Geldautomaten ausfallen
- Campingkocher mit Gaskartusche für die Zubereitung warmer Speisen
- Powerbank für Mobiltelefone, geladen und einsatzbereit
Der Sonderfall: Berliner Altbauten und Neubauten
Berlin hat eine gespaltene Wohnstruktur. In Prenzlauer Berg, Neukölln oder Friedrichshain gibt es gründerzeitliche Altbauten, die in Sachen Blackout-Resilienz überraschende Vorteile haben. Gasetagenheizungen der älteren Bauart funktionieren teils ohne Strom. Keine Unterdrucksysteme, keine digitale Steuerung. Wer eine solche Heizung hat, kann im Winter auch ohne Strom heizen, vorausgesetzt, der Gasdruck bleibt stabil.
Moderne Neubauten hingegen, insbesondere Gebäude nach dem Energieeffizienzstandard KfW 40 oder besser, sind ohne Strom oft völlig nutzlos. Lüftungsanlagen, Wärmepumpen, Fußbodenheizungssteuerungen: alles elektrisch. Das ist beim Kauf oder der Anmietung selten ein Thema, sollte es aber sein.
Was die Politik bisher getan hat
Das Land Berlin hat 2022 einen aktualisierten Rahmen-Katastrophenschutzplan verabschiedet. Darin sind Blackout-Szenarien explizit berücksichtigt. Geplant sind sogenannte Anlaufstellen der Infrastruktur, kurz ASI, also öffentliche Gebäude wie Schulen oder Feuerwachen, die mit Notstromaggregaten ausgestattet werden sollen, um im Notfall als Anlaufpunkte für die Bevölkerung zu dienen. Wie viele dieser Stellen tatsächlich vollständig ausgerüstet sind, ist öffentlich nicht vollständig dokumentiert.
Auf Bundesebene hat das BBK in den vergangenen Jahren mehrfach Kampagnen gestartet, um die private Vorsorge zu verbessern. Der Rücklauf ist mäßig. Umfragen zeigen, dass weniger als 20 Prozent der deutschen Haushalte einen Notvorrat haben, der über drei Tage hinausgeht.
Gemeinschaft als unterschätzter Schutzfaktor
Wer in einem Berliner Mietshaus mit 30 Parteien wohnt, kennt im Schnitt weniger als fünf davon namentlich. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beschreibung städtischer Realität. Genau diese Anonymität wird aber im Krisenfall zum Problem. Wer weiß, ob der Nachbar im dritten Stock Insulin braucht und keinen eigenen Kühlschrank mehr betreiben kann?
Nachbarschaftsnetzwerke, wie sie in einigen Berliner Kiezen seit der Pandemie stärker entstanden sind, sind im Blackout-Szenario ein echter Schutzfaktor. Wer sich kennt, kann Ressourcen teilen, auf Hilfsbedürftige achten und Informationen weitergeben, wenn Mobilfunk und Internet ausgefallen sind.
Ein Blackout in Berlin wäre keine Apokalypse, aber er wäre ein ernstes Ereignis, das Millionen Menschen unvorbereitet treffen würde. Die Frage ist nicht, ob so ein Ausfall kommen kann. Die Frage ist, wie viele Berliner dann auf sich allein gestellt wären, obwohl es einfache Möglichkeiten gäbe, das zu ändern.
Julian Möhring
Redakteur Sport & Digitales
Hey, ich bin Julian – und bei BerlinEcho kümmere ich mich um Sport und alles Digitale. Wenn Hertha mal wieder in der Abstiegszone steckt oder Union überraschend Europa spielt, bin ich derjenige, der das für euch einordnet. Sport …
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