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Charlottenburg-Wilmersdorf · Gesellschaft

„Sie wollten leben!“: 25 Litfaßsäulen erinnern an Deportierte

Vom 13. Oktober bis 16. November 2026 zeigen 25 Litfaßsäulen in allen Bezirken die Geschichten von 100 verfolgten Berliner Jüdinnen und Juden. Alle Standorte und die Eröffnung am 15. Oktober.

Ariane Nagel Veröffentlicht
Klassische Berliner Litfaßsäule mit monochromen Plakaten an einer herbstlichen Straßenecke bei Dämmerung.
Ab Mitte Oktober erinnern 25 Litfaßsäulen im gesamten Berliner Stadtgebiet an das Schicksal deportierter jüdischer Bürger. (KI-generiertes Symbolbild)
Inhalt (6 Abschnitte)
  1. Wo stehen die 25 Litfaßsäulen?
  2. Wann und wo ist die Eröffnung?
  3. Wer steckt hinter dem Gedenkprojekt?
  4. Was geschah am 18. Oktober 1941?
  5. Wie geht es nach der Eröffnung weiter?
  6. Quellen

Das Gedenkprojekt „Sie wollten leben!“ erinnert vom 13. Oktober bis 16. November 2026 an 25 Litfaßsäulen in allen zwölf Berliner Bezirken an 100 jüdische Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Anlass ist der erste Deportationszug vom Bahnhof Grunewald am 18. Oktober 1941. Die Eröffnung am 15. Oktober in der Gedächtniskirche ist kostenlos.

Ab Dienstag, , hängen an 25 Berliner Litfaßsäulen keine Konzertplakate, sondern Lebensgeschichten. Die großflächigen Plakate zeigen Fotografien, Stolpersteine, Gedenktafeln und Kurzbiografien von 100 Jüdinnen und Juden aus Berlin – Menschen, die fliehen wollten, die deportiert und ermordet wurden. Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf hat das Projekt am in einer Pressemitteilung angekündigt, das Bezirksamt Lichtenberg bereits am 5. Oktober. Beide Bezirke fördern es mit. Die Säulen bleiben bis zum stehen.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Vor 85 Jahren, am 18. Oktober 1941, verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Güterbahnhof Grunewald. 1.013 jüdische Frauen, Männer und Kinder wurden ins Ghetto Litzmannstadt im besetzten Łódź verschleppt. Mindestens 55.000 Berliner Jüdinnen und Juden fielen dem NS-Terror zum Opfer.

Wo stehen die 25 Litfaßsäulen?

Die 25 Gedenk-Litfaßsäulen verteilen sich auf alle zwölf Berliner Bezirke: drei in Charlottenburg-Wilmersdorf, je zwei in den übrigen elf. Die Standorte hat der Moabiter Verein Gleis 69 auf seiner Projektseite veröffentlicht. Viele stehen an belebten Ecken – am Kudamm, an der Karl-Marx-Straße, am Kottbusser Damm, an der Schloßstraße.

Standorte der Gedenk-Litfaßsäulen „Sie wollten leben!“ nach Bezirk, laut Gleis 69 e.V., Stand 8. Oktober 2026
Bezirk Standorte
Charlottenburg-Wilmersdorf Kurfürstendamm 64–65, hinter Giesebrechtstraße (Charlottenburg)
Bleibtreustraße 13, Ecke Niebuhrstraße (Charlottenburg)
Blissestraße 6, vor Wilhelmsaue (Wilmersdorf)
Friedrichshain-Kreuzberg Samariterstraße 1, hinter Frankfurter Allee (Friedrichshain)
Kottbusser Damm 35 (Kreuzberg)
Lichtenberg Prerower Platz, Zingster Straße gegenüber Nr. 5, hinter Falkenberger Chaussee (Hohenschönhausen)
Weißenseer Weg 23, vor Landsberger Allee (Lichtenberg)
Marzahn-Hellersdorf Hönower Straße 79, am S-Bahnhof Mahlsdorf (Hellersdorf)
Elsterwerdaer Platz, vor Köpenicker Straße gegenüber Nr. 26, am U-Bahnhof (Marzahn)
Mitte Torstraße 201, hinter Borsigstraße (Mitte)
Bundesratufer, Ecke Dortmunder Straße 1 (Tiergarten)
Neukölln Karl-Marx-Straße 92–98, gegenüber Anzengruberstraße
Siegfriedstraße gegenüber Nr. 25, vor Hermannstraße (am S-Bahnhof Hermannstraße)
Pankow Hermann-Hesse-Straße 26 (Pankow)
Danziger Straße 219–221, Ecke Rudi-Arndt-Straße (Prenzlauer Berg)
Reinickendorf Wilhelmsruher Damm 138–140, hinter Senftenberger Ring
Zeltinger Platz 15, hinter Zeltinger Straße
Spandau Borkumer Straße 1, Ecke Klosterstraße
Gartenfelder Straße 104, hinter Haselhorster Damm
Steglitz-Zehlendorf Hubertusstraße 1, hinter Schloßstraße 106 (Steglitz)
Potsdamer Straße 52, hinter Martin-Buber-Straße (Zehlendorf)
Tempelhof-Schöneberg Kurfürstenstraße 150, vor Potsdamer Straße (Schöneberg)
Kaiserstraße 109, hinter Mariendorfer Damm 78 (Tempelhof)
Treptow-Köpenick An der Wuhlheide 256, gegenüber Rudolf-Rühl-Allee am Stadion An der Alten Försterei (Köpenick)
Elsenstraße 5, hinter Puschkinallee (Treptow)

In Lichtenberg sind die beiden Säulen nach Angaben des Bezirksamts Lichtenberg erst ab dem 16. Oktober zu sehen. Der Werbeflächen-Vermarkter Ilg, der in Berlin rund 1.700 Litfaßsäulen betreibt, ist Medienpartner des Projekts.

Wann und wo ist die Eröffnung?

Die Eröffnung des Gedenkprojekts findet am Donnerstag, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist laut Gleis 69 nicht nötig.

Reden halten die Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf, Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, und Petra Rosenberg, Vorsitzende der Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn. Angekündigt sind außerdem die Schauspielerin Hanna Schygulla, der Jugendchor der Staatsoper Berlin mit hebräischen Liedern und Jugendliche der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau. Ehrengast ist Michael Meisels, der als Baby mit dem letzten Zug vom Anhalter Bahnhof am 27. März 1945 nach Theresienstadt deportiert wurde und überlebte. Auf dem Vorplatz gestaltet das Berliner Theater Anu eine Installation, gefördert vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf.

Wer steckt hinter dem Gedenkprojekt?

Initiiert hat das Projekt der Regisseur und Kulturmanager Günter Jeschonnek, umgesetzt wird es mit dem Verein Gleis 69, der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde und den Berliner Stolperstein-Initiativen. Die Plakate hat der Grafiker Michael de Maizière gestaltet. Gefördert wird das Projekt unter anderem von der Lotto-Stiftung Berlin, der Inge-Deutschkron-Stiftung, dem Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung sowie den Bezirksämtern Charlottenburg-Wilmersdorf und Lichtenberg.

Der Titel verweist auf die Geschichten selbst: Ein historisches Foto auf der Projektseite zeigt das Gedränge vor dem Reisebüro des „Palestine & Orient Lloyd“ in der Meineckestraße in Charlottenburg im Januar 1939. Das dort ansässige Palästinaamt der Jewish Agency half bis 1941 rund 50.000 Menschen bei der Auswanderung. Viele andere schafften es nicht mehr.

Was geschah am 18. Oktober 1941?

Der 18. Oktober 1941 markiert den Beginn der systematischen Deportationen aus Berlin. Die Betroffenen mussten sich bis zum 15. Oktober im Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße in Moabit einfinden. Von dort liefen sie – unter den Augen der Berliner Bevölkerung – rund acht Kilometer durch die Stadt zum Güterbahnhof Grunewald. Die Gestapo trieb sie in den Zug, die Deutsche Reichsbahn fuhr ihn nach Osten.

Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach nach Angaben von Gleis 69 etwa 1.600 jüdische Berlinerinnen und Berliner das Leben. Laut dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf fuhr der letzte Deportationszug vom Bahnhof Grunewald am 5. Januar 1945 nach Sachsenhausen. Heute erinnert dort das Mahnmal Gleis 17 an die Verschleppten.

Wie geht es nach der Eröffnung weiter?

Bis zum 16. November 2026 soll laut den Initiatoren an den 25 Standorten mit Gedenkveranstaltungen erinnert werden; Termine veröffentlichen der Verein Gleis 69 und die Stolperstein-Initiativen in den Bezirken. Am 9. November jährt sich zudem die Pogromnacht von 1938 – auch dann stehen die Säulen noch. Mehr aus dem Bezirk findest du auf unserer Seite zu Charlottenburg-Wilmersdorf, weitere Kulturthemen im Ressort Kultur.

Quellen

Ariane Nagel

Redakteurin Kultur & Meinung

Ich bin Ariane, und ich schreibe das, was andere vielleicht nicht schreiben wollen: klare Meinungen. Bei BerlinEcho verantworte ich Kultur und Meinung – und ja, das passt gut zusammen, denn Kultur ohne Haltung ist Dekoration. Berlin ist kulturell …

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