Urknall und Gott: Was Einstein in Berlin dazu dachte
Inhalt (8 Abschnitte)
- Was sagt die Urknall-Theorie – und was sagt sie nicht?
- Warum stammt der Urknall ausgerechnet von einem Priester?
- Was hat Einstein in Berlin mit dem Urknall zu tun?
- Hat Einstein an Gott geglaubt?
- Wie sehen Theologie und Naturwissenschaft das Verhältnis?
- Wo kannst du Einsteins Spuren in Berlin und Potsdam erleben?
- Häufige Fragen zu Urknall, Gott und Einstein
- Quellen
Urknall und Schöpfungsglaube schließen sich nicht zwingend aus. Die Urknall-Theorie beschreibt, wie sich das Universum seit rund 13,8 Milliarden Jahren ausdehnt, aber nicht, warum es existiert. Erdacht hat sie 1927 der katholische Priester Georges Lemaître – auf Grundlage der Allgemeinen Relativitätstheorie, die Albert Einstein im November 1915 der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin vorlegte.
Physik und Glaube beantworten beim Urknall verschiedene Fragen: Die Kosmologie rechnet die Ausdehnung des Alls zurück, am Anfang selbst versagen ihre Gleichungen. Berlin spielt dabei eine Hauptrolle. Hier lebte Albert Einstein von 1914 bis 1932, hier entstand die Theorie hinter jedem Urknall-Modell, und hier erschien am sein Aufsatz über Religion und Wissenschaft. Seine Spuren findest du in Treptow, Schöneberg und Potsdam.
Was sagt die Urknall-Theorie – und was sagt sie nicht?
Die Urknall-Theorie sagt: Das Universum war früher heißer und dichter und dehnt sich seither aus. Aus den Messungen des Satelliten Planck schloss die Europäische Weltraumorganisation ESA am auf ein Alter von 13,82 Milliarden Jahren. Gerechnet wird mit Einsteins Gleichungen. Genau dort liegt die Grenze: Zurückverfolgt wachsen Dichte und Schwerkraft ins Unendliche, die Gleichungen brechen zusammen. Den Urknall selbst könne die Allgemeine Relativitätstheorie nicht beschreiben, heißt es bei Einstein Online, dem Wissensportal des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam. Ob es ein «Davor» gab, ist offen. Über einen Sinn oder einen Schöpfer sagt die Theorie nichts.
Warum stammt der Urknall ausgerechnet von einem Priester?
Georges Lemaître, 1923 zum Priester geweiht, Professor für Astrophysik in Löwen, schlug 1927 ein expandierendes Universum vor, berichtet die Encyclopaedia Britannica. Am folgte in der Zeitschrift Nature sein Text über den Anfang der Welt aus Sicht der Quantentheorie, die Idee eines «Uratoms» (Archiv der UCLouvain).
Papst Pius XII. deutete am vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften die neue Kosmologie als Zeugin des biblischen «Fiat Lux». Lemaître war beunruhigt: Er wollte «Anfang» und «Schöpfung» nicht gleichgesetzt sehen (Archiv der UCLouvain). Laut Vatikanischer Sternwarte setzte er sich 1952 dafür ein, dass der Papst seine Theorie nicht offiziell mit der biblischen Schöpfung verknüpfte.
Was hat Einstein in Berlin mit dem Urknall zu tun?
Albert Einstein lebte von Ende März 1914 bis Anfang Dezember 1932 in Berlin. Max Planck hatte ihn an die Preußische Akademie der Wissenschaften geholt, 1917 wurde er erster Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, schreibt die Max-Planck-Gesellschaft. Am reichte er bei der Akademie die Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie ein, dokumentiert das Einstein Papers Project am Caltech.
Die Kernidee: Masse und Energie krümmen Raum und Zeit, diese Raumzeitkrümmung ist die Schwerkraft. Lemaîtres expandierendes Universum baut auf diesen Gleichungen auf. Einstein steht auch in unserem Überblick über Berliner Nobelpreisträger.
Schon vorher hatte Einstein in Treptow öffentlich über Relativität gesprochen: am im großen Hörsaal der Archenhold-Sternwarte. Seit seinem 100. Geburtstag am 15. März 1979 heißt der Saal Einstein-Saal (Stiftung Planetarium Berlin). Im März 1933 trat Einstein aus der Akademie aus.
Hat Einstein an Gott geglaubt?
Albert Einstein glaubte nicht an einen persönlichen Gott, der in Menschenschicksale eingreift, nannte sich aber auch nicht Atheist. Seine ausführlichste Antwort ist der Aufsatz «Religion und Wissenschaft», erschienen am 9. November 1930 im New York Times Magazine und zwei Tage später im Berliner Tageblatt (Einstein, «Ideas and Opinions»).
Einstein unterscheidet drei Stufen: eine Religion der Furcht, eine moralische Religion mit lenkendem Gott und ein Staunen über die Ordnung der Natur ohne menschenähnlichen Gott – englisch «cosmic religious feeling», im Deutschen meist kosmische Religiosität. Dieses Gefühl sei der stärkste und edelste Antrieb der Forschung.
1929 telegrafierte er einem New Yorker Rabbiner, er glaube an Spinozas Gott, der sich in der Harmonie des Seienden zeige, nicht an einen, der sich um die Taten der Menschen kümmere. In einem 1930 veröffentlichten Interview mit George Sylvester Viereck sagte er, er sei kein Atheist (Übersicht mit Belegen).
Und «Gott würfelt nicht»? So hat Einstein es nie geschrieben. Am schrieb er an den Physiker Max Born, die Quantenmechanik bringe ihn dem Geheimnis des «Alten» kaum näher: «Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt» (Spektrum der Wissenschaft). Gemeint war der Zufall in der Physik (Britannica).
Wie sehen Theologie und Naturwissenschaft das Verhältnis?
Eine viel zitierte Formel stammt vom US-Paläontologen Stephen Jay Gould: Er beschrieb Wissenschaft und Religion 1997 in der Zeitschrift Natural History als zwei getrennte Lehrbereiche, englisch «Non-Overlapping Magisteria» (NOMA): Die Wissenschaft klärt, woraus das Universum besteht und wie es funktioniert, die Religion fragt nach Sinn und moralischen Werten.
Lemaître lebte diese Trennung, bevor Gould sie benannte; die Vatikanische Sternwarte hebt hervor, dass er die Eigenständigkeit der Naturwissenschaft achtete. Einstein ging einen eigenen Weg: Für ihn war religiöses Staunen ohne persönlichen Gott ein Motor der Forschung.
Wo kannst du Einsteins Spuren in Berlin und Potsdam erleben?
Fünf Orte erzählen die Geschichte von Einstein und Kosmos. Termine und Preise laut Betreibern.
| Ort | Bezug zu Einstein und Kosmos | Adresse | Angebot 2026 | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Archenhold-Sternwarte | Vortrag zur Relativitätstheorie am 2. Juni 1915 | Alt-Treptow 1, 12435 Berlin (Treptow-Köpenick) | Führung «Mit Einstein durch Raum und Zeit», 12 Euro (ermäßigt 8), am 7., 15., 23. und 29. Oktober | Stiftung Planetarium Berlin |
| Zeiss-Großplanetarium | Shows zu Zeit und Kosmos | Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin (Pankow) | «Zeit – Im Strom des Universums», 12 Euro (ermäßigt 8), u. a. am 10., 17. und 24. Oktober; «Juwelen des Kosmos» ab 6. November | Stiftung Planetarium Berlin |
| Haberlandstraße 5 | Einsteins Wohnung 1917 bis 1932 | Haberlandstraße 5, 10779 Berlin (Tempelhof-Schöneberg) | Gedenktafel; das Originalhaus steht nicht mehr | Wiley-VCH, «Die Berliner Wohnungen» |
| Einsteinturm | Sonnenobservatorium, gebaut 1919 bis 1924 | An der Sternwarte 16, 14482 Potsdam | außen tagsüber (Anmeldung am Eingang), innen nur Führungen, meist im Winterhalbjahr über die Urania Potsdam | Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam |
| Einsteinhaus Caputh | Sommerhaus, genutzt 1930 bis 1932 | Am Waldrand 15–17, 14548 Caputh | bis Ende Oktober Sa, So und feiertags 10 bis 18 Uhr, 5 Euro (ermäßigt 2,50) | Einstein Forum |
Der Einsteinturm des Architekten Erich Mendelsohn sollte die von der Relativitätstheorie vorhergesagte Rotverschiebung im Sonnenlicht nachweisen; das erwies sich als nicht machbar, schreibt das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam. Das Einsteinhaus in Caputh öffnet laut Einstein Forum nur noch bis Ende Oktober. Weitere Ziele ohne Eintritt sammelt unser Ratgeber Berlin kostenlos.
Die Berlin Science Week läuft vom 1. bis 10. November 2026 mit rund 300 Veranstaltungen, unter den Gästen Physik-Nobelpreisträger Brian Schmidt (Veranstalter). Am 26. November 2026 um 20:30 Uhr gibt es einen Science Slam im Einstein-Saal, 16 Euro (ermäßigt 12 Euro).
Häufige Fragen zu Urknall, Gott und Einstein
Hat Einstein an Gott geglaubt?
An einen persönlichen Gott, der in Schicksale eingreift, glaubte Albert Einstein nicht. Ein Atheist wollte er nach eigener Aussage aber auch nicht sein. 1929 bekannte er sich zu Spinozas Gott, der sich in der Harmonie der Welt zeige. Im Berliner Tageblatt vom 11. November 1930 nannte er das religiöse Staunen über die Ordnung der Natur den stärksten Antrieb der Forschung.
Wer hat den Urknall erfunden?
Die Idee stammt vom belgischen Physiker und katholischen Priester Georges Lemaître. 1927 schlug er ein sich ausdehnendes Universum vor, am 9. Mai 1931 beschrieb er in der Zeitschrift Nature einen Anfang aus einem «Uratom». Er rechnete mit Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie, die Einstein im November 1915 in Berlin vorgelegt hatte.
Widerspricht der Urknall der Bibel?
Nicht zwingend. Die Urknall-Theorie erklärt, wie sich das Universum seit rund 13,8 Milliarden Jahren entwickelt; ob es einen Schöpfer gibt, beantwortet sie nicht. Ein Konflikt entsteht vor allem, wenn man die Schöpfungserzählung als naturwissenschaftlichen Bericht liest. Lemaître trennte beides bewusst und war 1951 beunruhigt, als Papst Pius XII. die Kosmologie als Beleg für die Schöpfung deutete.
Wo war Einstein in Berlin?
Albert Einstein lebte von Ende März 1914 bis Anfang Dezember 1932 in Berlin, zuerst in der Ehrenbergstraße 33 in Dahlem, ab 1917 in der Haberlandstraße 5 in Schöneberg. Er gehörte der Preußischen Akademie der Wissenschaften an und leitete ab 1917 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik. Am 2. Juni 1915 sprach er in der Archenhold-Sternwarte in Treptow.
Was bedeutet «Gott würfelt nicht»?
Der Satz verkürzt einen Brief Einsteins an den Physiker Max Born vom 4. Dezember 1926: «Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt» – gemeint ist «der Alte», Einsteins Bild für Gott oder die Natur. Es ging um die Quantenmechanik: Einstein wollte nicht akzeptieren, dass der Zufall die Naturgesetze bestimmt. Ein Bekenntnis zu einem persönlichen Gott ist das nicht.
Quellen
- ESA: Planck offenbart uns ein fast perfektes Universum (21.03.2013) (abgerufen am 03.10.2026)
- Einstein Online (Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik): Den Urknall überspringen (abgerufen am 03.10.2026)
- Einstein Online: Das Singularitäten-Theorem (abgerufen am 03.10.2026)
- Encyclopaedia Britannica: Georges Lemaître (abgerufen am 03.10.2026)
- UCLouvain Archiv: Lemaître, The Beginning of the World …, Nature, 09.05.1931 (abgerufen am 03.10.2026)
- UCLouvain Archiv: Pius XII and the discourse Un’Ora (abgerufen am 03.10.2026)
- Vatican Observatory: Msgr. Georges Lemaître, Father of the Big Bang (26.05.2019) (abgerufen am 03.10.2026)
- Max-Planck-Gesellschaft: Albert Einstein (abgerufen am 03.10.2026)
- Einstein Papers Project (Caltech): One hundred years of Einstein’s field equations (abgerufen am 03.10.2026)
- Stiftung Planetarium Berlin: Geschichte der Archenhold-Sternwarte (abgerufen am 03.10.2026)
- Stiftung Planetarium Berlin: Mit Einstein durch Raum und Zeit (abgerufen am 03.10.2026)
- Stiftung Planetarium Berlin: Zeit – Im Strom des Universums (abgerufen am 03.10.2026)
- Stiftung Planetarium Berlin: Juwelen des Kosmos (abgerufen am 03.10.2026)
- Stiftung Planetarium Berlin: Science Slam im Einstein-Saal (abgerufen am 03.10.2026)
- Albert Einstein: Religion and Science, in: Ideas and Opinions (Lehrmaterial J. D. Norton, University of Pittsburgh) (abgerufen am 03.10.2026)
- Wikipedia: Religious and philosophical views of Albert Einstein (abgerufen am 03.10.2026)
- Spektrum der Wissenschaft: Der Zufall im Kosmos (abgerufen am 03.10.2026)
- Britannica: What did Albert Einstein mean when he wrote that God does not play dice? (abgerufen am 03.10.2026)
- Stephen Jay Gould: Nonoverlapping Magisteria, Natural History 1997 (abgerufen am 03.10.2026)
- Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam: Einsteinturm (abgerufen am 03.10.2026)
- Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam: Besichtigung des Einsteinturms (abgerufen am 03.10.2026)
- Wiley-VCH, Leseprobe: Die Berliner Wohnungen (Einstein in Berlin) (abgerufen am 03.10.2026)
- berlin.de: Einstein ist wieder zu Hause in Berlin (abgerufen am 03.10.2026)
- Einstein Forum: Einsteinhaus Caputh, Information (abgerufen am 03.10.2026)
- Einstein Forum: Einsteinhaus Caputh, Wegbeschreibung (abgerufen am 03.10.2026)
- idw: Berlin Science Week 2026, Programm (abgerufen am 03.10.2026)
Ariane Nagel
Redakteurin Kultur & Meinung
Ich bin Ariane, und ich schreibe das, was andere vielleicht nicht schreiben wollen: klare Meinungen. Bei BerlinEcho verantworte ich Kultur und Meinung – und ja, das passt gut zusammen, denn Kultur ohne Haltung ist Dekoration. Berlin ist kulturell …
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