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Kultur

Urknall und Gott: Was Einstein in Berlin dazu dachte

Der Urknall stammt von einem Priester, seine Grundlage von Einstein aus Berlin. Was die Theorie über Gott sagt, was Einstein glaubte und wo du in Treptow, Schöneberg und Potsdam seine Spuren findest.

Ariane Nagel Veröffentlicht
Historisches Messingfernrohr in einer Sternwartenkuppel bei Dämmerung, davor ein Holztisch mit optischen Instrumenten.
In historischen Berliner Sternwarten und Instituten nahm die moderne Kosmologie ihren theoretischen Anfang. (KI-generiertes Symbolbild)
Inhalt (8 Abschnitte)
  1. Was sagt die Urknall-Theorie – und was sagt sie nicht?
  2. Warum stammt der Urknall ausgerechnet von einem Priester?
  3. Was hat Einstein in Berlin mit dem Urknall zu tun?
  4. Hat Einstein an Gott geglaubt?
  5. Wie sehen Theologie und Naturwissenschaft das Verhältnis?
  6. Wo kannst du Einsteins Spuren in Berlin und Potsdam erleben?
  7. Häufige Fragen zu Urknall, Gott und Einstein
  8. Quellen

Urknall und Schöpfungsglaube schließen sich nicht zwingend aus. Die Urknall-Theorie beschreibt, wie sich das Universum seit rund 13,8 Milliarden Jahren ausdehnt, aber nicht, warum es existiert. Erdacht hat sie 1927 der katholische Priester Georges Lemaître – auf Grundlage der Allgemeinen Relativitätstheorie, die Albert Einstein im November 1915 der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin vorlegte.

Physik und Glaube beantworten beim Urknall verschiedene Fragen: Die Kosmologie rechnet die Ausdehnung des Alls zurück, am Anfang selbst versagen ihre Gleichungen. Berlin spielt dabei eine Hauptrolle. Hier lebte Albert Einstein von 1914 bis 1932, hier entstand die Theorie hinter jedem Urknall-Modell, und hier erschien am sein Aufsatz über Religion und Wissenschaft. Seine Spuren findest du in Treptow, Schöneberg und Potsdam.

Was sagt die Urknall-Theorie – und was sagt sie nicht?

Die Urknall-Theorie sagt: Das Universum war früher heißer und dichter und dehnt sich seither aus. Aus den Messungen des Satelliten Planck schloss die Europäische Weltraumorganisation ESA am auf ein Alter von 13,82 Milliarden Jahren. Gerechnet wird mit Einsteins Gleichungen. Genau dort liegt die Grenze: Zurückverfolgt wachsen Dichte und Schwerkraft ins Unendliche, die Gleichungen brechen zusammen. Den Urknall selbst könne die Allgemeine Relativitätstheorie nicht beschreiben, heißt es bei Einstein Online, dem Wissensportal des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam. Ob es ein «Davor» gab, ist offen. Über einen Sinn oder einen Schöpfer sagt die Theorie nichts.

Warum stammt der Urknall ausgerechnet von einem Priester?

Georges Lemaître, 1923 zum Priester geweiht, Professor für Astrophysik in Löwen, schlug 1927 ein expandierendes Universum vor, berichtet die Encyclopaedia Britannica. Am folgte in der Zeitschrift Nature sein Text über den Anfang der Welt aus Sicht der Quantentheorie, die Idee eines «Uratoms» (Archiv der UCLouvain).

Papst Pius XII. deutete am vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften die neue Kosmologie als Zeugin des biblischen «Fiat Lux». Lemaître war beunruhigt: Er wollte «Anfang» und «Schöpfung» nicht gleichgesetzt sehen (Archiv der UCLouvain). Laut Vatikanischer Sternwarte setzte er sich 1952 dafür ein, dass der Papst seine Theorie nicht offiziell mit der biblischen Schöpfung verknüpfte.

Was hat Einstein in Berlin mit dem Urknall zu tun?

Albert Einstein lebte von Ende März 1914 bis Anfang Dezember 1932 in Berlin. Max Planck hatte ihn an die Preußische Akademie der Wissenschaften geholt, 1917 wurde er erster Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, schreibt die Max-Planck-Gesellschaft. Am reichte er bei der Akademie die Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie ein, dokumentiert das Einstein Papers Project am Caltech.

Die Kernidee: Masse und Energie krümmen Raum und Zeit, diese Raumzeitkrümmung ist die Schwerkraft. Lemaîtres expandierendes Universum baut auf diesen Gleichungen auf. Einstein steht auch in unserem Überblick über Berliner Nobelpreisträger.

Schon vorher hatte Einstein in Treptow öffentlich über Relativität gesprochen: am im großen Hörsaal der Archenhold-Sternwarte. Seit seinem 100. Geburtstag am 15. März 1979 heißt der Saal Einstein-Saal (Stiftung Planetarium Berlin). Im März 1933 trat Einstein aus der Akademie aus.

Hat Einstein an Gott geglaubt?

Albert Einstein glaubte nicht an einen persönlichen Gott, der in Menschenschicksale eingreift, nannte sich aber auch nicht Atheist. Seine ausführlichste Antwort ist der Aufsatz «Religion und Wissenschaft», erschienen am 9. November 1930 im New York Times Magazine und zwei Tage später im Berliner Tageblatt (Einstein, «Ideas and Opinions»).

Einstein unterscheidet drei Stufen: eine Religion der Furcht, eine moralische Religion mit lenkendem Gott und ein Staunen über die Ordnung der Natur ohne menschenähnlichen Gott – englisch «cosmic religious feeling», im Deutschen meist kosmische Religiosität. Dieses Gefühl sei der stärkste und edelste Antrieb der Forschung.

1929 telegrafierte er einem New Yorker Rabbiner, er glaube an Spinozas Gott, der sich in der Harmonie des Seienden zeige, nicht an einen, der sich um die Taten der Menschen kümmere. In einem 1930 veröffentlichten Interview mit George Sylvester Viereck sagte er, er sei kein Atheist (Übersicht mit Belegen).

Und «Gott würfelt nicht»? So hat Einstein es nie geschrieben. Am schrieb er an den Physiker Max Born, die Quantenmechanik bringe ihn dem Geheimnis des «Alten» kaum näher: «Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt» (Spektrum der Wissenschaft). Gemeint war der Zufall in der Physik (Britannica).

Wie sehen Theologie und Naturwissenschaft das Verhältnis?

Eine viel zitierte Formel stammt vom US-Paläontologen Stephen Jay Gould: Er beschrieb Wissenschaft und Religion 1997 in der Zeitschrift Natural History als zwei getrennte Lehrbereiche, englisch «Non-Overlapping Magisteria» (NOMA): Die Wissenschaft klärt, woraus das Universum besteht und wie es funktioniert, die Religion fragt nach Sinn und moralischen Werten.

Lemaître lebte diese Trennung, bevor Gould sie benannte; die Vatikanische Sternwarte hebt hervor, dass er die Eigenständigkeit der Naturwissenschaft achtete. Einstein ging einen eigenen Weg: Für ihn war religiöses Staunen ohne persönlichen Gott ein Motor der Forschung.

Wo kannst du Einsteins Spuren in Berlin und Potsdam erleben?

Fünf Orte erzählen die Geschichte von Einstein und Kosmos. Termine und Preise laut Betreibern.

Einstein- und Kosmos-Orte in Berlin und Potsdam (Stand: 3. Oktober 2026)
Ort Bezug zu Einstein und Kosmos Adresse Angebot 2026 Quelle
Archenhold-Sternwarte Vortrag zur Relativitätstheorie am 2. Juni 1915 Alt-Treptow 1, 12435 Berlin (Treptow-Köpenick) Führung «Mit Einstein durch Raum und Zeit», 12 Euro (ermäßigt 8), am 7., 15., 23. und 29. Oktober Stiftung Planetarium Berlin
Zeiss-Großplanetarium Shows zu Zeit und Kosmos Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin (Pankow) «Zeit – Im Strom des Universums», 12 Euro (ermäßigt 8), u. a. am 10., 17. und 24. Oktober; «Juwelen des Kosmos» ab 6. November Stiftung Planetarium Berlin
Haberlandstraße 5 Einsteins Wohnung 1917 bis 1932 Haberlandstraße 5, 10779 Berlin (Tempelhof-Schöneberg) Gedenktafel; das Originalhaus steht nicht mehr Wiley-VCH, «Die Berliner Wohnungen»
Einsteinturm Sonnenobservatorium, gebaut 1919 bis 1924 An der Sternwarte 16, 14482 Potsdam außen tagsüber (Anmeldung am Eingang), innen nur Führungen, meist im Winterhalbjahr über die Urania Potsdam Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam
Einsteinhaus Caputh Sommerhaus, genutzt 1930 bis 1932 Am Waldrand 15–17, 14548 Caputh bis Ende Oktober Sa, So und feiertags 10 bis 18 Uhr, 5 Euro (ermäßigt 2,50) Einstein Forum

Der Einsteinturm des Architekten Erich Mendelsohn sollte die von der Relativitätstheorie vorhergesagte Rotverschiebung im Sonnenlicht nachweisen; das erwies sich als nicht machbar, schreibt das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam. Das Einsteinhaus in Caputh öffnet laut Einstein Forum nur noch bis Ende Oktober. Weitere Ziele ohne Eintritt sammelt unser Ratgeber Berlin kostenlos.

Die Berlin Science Week läuft vom 1. bis 10. November 2026 mit rund 300 Veranstaltungen, unter den Gästen Physik-Nobelpreisträger Brian Schmidt (Veranstalter). Am 26. November 2026 um 20:30 Uhr gibt es einen Science Slam im Einstein-Saal, 16 Euro (ermäßigt 12 Euro).

Häufige Fragen zu Urknall, Gott und Einstein

Hat Einstein an Gott geglaubt?

An einen persönlichen Gott, der in Schicksale eingreift, glaubte Albert Einstein nicht. Ein Atheist wollte er nach eigener Aussage aber auch nicht sein. 1929 bekannte er sich zu Spinozas Gott, der sich in der Harmonie der Welt zeige. Im Berliner Tageblatt vom 11. November 1930 nannte er das religiöse Staunen über die Ordnung der Natur den stärksten Antrieb der Forschung.

Wer hat den Urknall erfunden?

Die Idee stammt vom belgischen Physiker und katholischen Priester Georges Lemaître. 1927 schlug er ein sich ausdehnendes Universum vor, am 9. Mai 1931 beschrieb er in der Zeitschrift Nature einen Anfang aus einem «Uratom». Er rechnete mit Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie, die Einstein im November 1915 in Berlin vorgelegt hatte.

Widerspricht der Urknall der Bibel?

Nicht zwingend. Die Urknall-Theorie erklärt, wie sich das Universum seit rund 13,8 Milliarden Jahren entwickelt; ob es einen Schöpfer gibt, beantwortet sie nicht. Ein Konflikt entsteht vor allem, wenn man die Schöpfungserzählung als naturwissenschaftlichen Bericht liest. Lemaître trennte beides bewusst und war 1951 beunruhigt, als Papst Pius XII. die Kosmologie als Beleg für die Schöpfung deutete.

Wo war Einstein in Berlin?

Albert Einstein lebte von Ende März 1914 bis Anfang Dezember 1932 in Berlin, zuerst in der Ehrenbergstraße 33 in Dahlem, ab 1917 in der Haberlandstraße 5 in Schöneberg. Er gehörte der Preußischen Akademie der Wissenschaften an und leitete ab 1917 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik. Am 2. Juni 1915 sprach er in der Archenhold-Sternwarte in Treptow.

Was bedeutet «Gott würfelt nicht»?

Der Satz verkürzt einen Brief Einsteins an den Physiker Max Born vom 4. Dezember 1926: «Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt» – gemeint ist «der Alte», Einsteins Bild für Gott oder die Natur. Es ging um die Quantenmechanik: Einstein wollte nicht akzeptieren, dass der Zufall die Naturgesetze bestimmt. Ein Bekenntnis zu einem persönlichen Gott ist das nicht.

Quellen

Ariane Nagel

Redakteurin Kultur & Meinung

Ich bin Ariane, und ich schreibe das, was andere vielleicht nicht schreiben wollen: klare Meinungen. Bei BerlinEcho verantworte ich Kultur und Meinung – und ja, das passt gut zusammen, denn Kultur ohne Haltung ist Dekoration. Berlin ist kulturell …

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